Der zweite Adventssonntag gibt der Klage Raum. Über die Unerträglichkeit der Verhältnisse, über den geschlossenen Himmel und das Schweigen Gottes und dem dringlichen Flehen, dass Gott kommt und eingreift, denn wir Menschen können es offensichtlich nicht.
Verzweiflung und Not, Klage und Anklage, Selbstbeschuldigung... in dieser kollektiven Klage aus ferner Zeit beim Propheten Jesaja (63,15 – 64,3) mischt sich alles. Von ganz tief unten, am Boden zerstört, klingt ein Aufschrei: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“
O Heiland, reiß die Himmel auf! Furchtbare Zeiten hat das Volk erlebt und irgendwo ist Gott auf der Strecke geblieben, verlorengegangen.
Da wird dieser uralte Text für uns aktuell. Denn das ist in all den Widrigkeiten unserer Tage oft auch unser Erleben. Dass Gott auf der Strecke geblieben, verloren gegangen ist, oder vielleicht doch andersherum: dass wir verloren gegangen sind. „Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.“ (Jesaja 63, 19)
Woran liegt das? Wer hat Schuld? Das Volk? Gott selber? Die schwierigen Umstände?
Die bittere Selbsterkenntnis bringt jedenfalls die ganze Verzweiflung über die Entfremdung von Gott zum Ausdruck. Verzweiflung darüber, dass sie doch eigentlich wissen, was vor Gott recht ist, was dem Leben nützt, was dem Frieden dient, aber sie tun es nicht, wir tun es nicht, vielleicht können wir es nicht. Das ist die Erfahrung der Wirklichkeit.
Gott sei’s geklagt.
Gott hält sich verborgen. Das ist kaum auszuhalten. Es gibt sie, diese dunklen, bitteren Stunden, in denen Gott abwesend erlebt wird, in denen einfach kein Kontakt da ist und darum auch kein Trost, keine Hoffnung. Es gibt sie, auch in dieser Adventszeit wieder, die Leere, die Ausweglosigkeit und die Gottferne. Wie kann man Gott ansprechen in einer Situation, in der er doch scheinbar gar nicht mehr da ist?
Der Glaube früherer Generationen, der hilft einem nicht, wenn man ganz unten ist. Es geht nur ganz direkt: „Du bist unser Vater, unser Erlöser“ (Jesaja 63, 16). Das ganz persönliche Verhältnis zu Gott wie zu einem Vater wird wichtig, wenn man unten ist. Nicht der Glanz früherer Zeiten und Taten, sondern die direkte, liebevolle Zuwendung und Barmherzigkeit hilft und richtet uns auf in unserer Erbärmlichkeit. Deshalb wenden auch wir uns in diesen Tagen hin zum abwesenden Gott und flehen ihn an: Du bist doch unser Vater. So wie Jesus Christus es uns beigebracht hat.
