Der Briefträger als Engel

Adventskerze und Briefmarken

Traugott Schächtele

Natürlich bin ich schon einem Engel begegnet! Mehr als einmal. Engel gehören zum Leben dazu. Oft merken wir gar nicht, dass es ein Engel war, der uns begegnet ist. Als Schutzengel. Oder als Warnengel. Als Botin oder Bote einer guten Nachricht. Als jemand, der mich in den Arm nimmt. Meinen Frust mit aushält. Meine Tränen trocknet. Gerade zur rechten Zeit. „Du bist ein Engel!“, sage ich dann manchmal. Oder jemand sagt es zu mir. Und ich zucke richtig zusammen.
 
Aber dann gab‘s da auch die ganz seltenen, aber ganz überwältigenden Momente. Da ist es mir dann mit einem Mal wie Schuppen von den Augen gefallen, dass es da irgend jemand richtig gut mit mir gemeint hat. Und dass da mehr war als ein Zeichen der Mitmenschlichkeit. Dann, wenn sich himmlische Leichtigkeit eingestellt hat. Und im Dickicht des Lebens plötzlich Durchkommen war. Und da war niemand sonst. Oder eben – unsichtbar oder einer Form von Blindheit für das Wesentliche geschuldet übersehen – ein Engel. Arm wäre mein Leben, rechnete ich nicht mit dem Engel an meiner Seite.
 
Maria, so denke ich, wird es kaum anders gegangen sein. Damals, im bis dahin sicher größten Moment ihres Lebens. So groß, dass dieser Moment in diesem Jahr mit einer eigenen Briefmarke gewürdigt wird. Briefmarken sind ein Beleg für die Denkwürdigkeit großer Momente. Zumindest solange noch Briefe geschrieben und Karten versendet werden, ist das noch so.
 
Die 80-Cent-Wohlfahrtsmarke der Deutschen Post für Weihnachten 2021 zeigt einen Engel. Und in das Bild hineingedruckt ist die Engelsbotschaft schlechthin: „Fürchtet euch nicht!“ Die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel. Die nächtliche Verkündigungsszene auf den Hirtenfeldern vor Bethlehem. So dachte es sich das Grafikbüro, das die Marke entworfen hat. Und die Deutsche Post hat’s unbesehen geglaubt.
 
Das Bild des unbekannten Allgäuer Barock-Malers Johann Michael Hertz aus dem 18. Jahrhundert zeigt den Engel aber in anderer Aktion. Es ist der Engel in der Begegnung mit Maria, der großen Engelsgeschichte aus dem ersten Kapitel des Lukas-Evangeliums (Lukas 1, 26-38).
 
Der Engel auf der Briefmarke trägt nämlich eine Lilie in der Hand. Und das ist in unzähligen Bilddarstellungen das Erkennungszeichen des Verkündigungsengels an Maria. Die Lilie gilt als Zeichen himmlischer Reinheit. Die Post hat ihre erklärenden Worte zum Bild inzwischen angepasst. Aber diese aktuelle Episode eines kleinen Irrtums zeigt: Die Kompetenz, religiöse Bildmotive zu deuten, schwindet mit dem Verlust der Kenntnis biblischer Geschichten. Deshalb sind die Deute-Engel ganz besonders gefragt.
 
Der Engel auf der Briefmarke lässt sich an der Lilie erkennen. Wenige Tage vor Weihnachten stellt sich diese Frage aber doch noch viel grundsätzlicher. Woran lässt sich ein Engel erkennen? Oder: Woran erkenne ich meinen Engel?
 
Ein unveränderliches Kennzeichen der Engel, so wie sie in biblischen Geschichten beschrieben werden, ist ihre Kernbotschaft: „Fürchte dich nicht!“ Das hat sogar der Grafiker der Briefmarke erkannt. Auch wenn er seines Irrtums wegen die Mehrzahl verwendet und „Fürchtet euch nicht!“ auf die Briefmarke schreibt. Engel vertreiben die Furcht. Sie räumen die Hindernisse aus dem Weg. Sie bahnen einen Weg ins Neuland der Zukunft.
 
Aber der Engel, der Maria begegnet, kommt so typisch daher wie in kaum einer anderen Begebenheit sonst. Auch ohne Lilie in der Hand ist er unschwer als Engel zu erkennen. Sein Gruß setzt die, denen seine Botschaft gilt, ins Licht. Macht sein Gegenüber groß. „Gnadenreiche“ nennt er Maria. Er setzt die ins Zentrum, die von sich glaubt, dass sie nichts vorzuweisen hat.
 
Der Engel schleicht sich nicht einfach in das Leben der Maria hinein. Er macht sich bemerkbar. Er grüßt – und nicht ohne Grund in derart würdigender Weise. Er räumt die Furcht voller Absicht beiseite. Die Worte des Engels machen frei, einen großen Schritt zu wagen. Sie nehmen in Beschlag. Sie muten zu. Sie sprechen eine Beauftragung aus. „Du wirst ein Kind gebären!“, sagt der Engel mit der Lilie. „Ihr werdet finden!“ sagt er, als er den Hirten erscheint.
 
Wer seinem Engel begegnet, geht das Risiko des Neuanfangs ein. Das war für Maria nicht anders als für die Hirten. Und das ist heute kaum anders als damals. Wenn ich meinen Engel zum Zug kommen lasse, gehe ich in einer neuen Spur weiter. Oder nehme endlich wahr, welche Möglichkeiten Gott in mich gelegt hat.
 
Was ist mein Engel der Weihnacht 2021? – so frage ich mich. Wie würde er mich begrüßen? Wozu würde er mir Mut machen? Aus welcher Spur mich herausreißen?
 
Was ich tröstlich und befreiend finde: Ich muss meinen Engel nicht herbeibeten. Engel nehmen sich die Freiheit, einfach so zu erscheinen, unbestellt und uneingeladen. Wenn ich mich am Tag nicht auf sie einstelle, dann erscheinen sie bei Nacht. Im Traum. Wie dem Joseph, dem Mann der Maria. Die Botschaft des Engels – sein „Flieht nach Ägypten!“ - lässt aus den Dreien eine Flüchtlingsfamilie werden und bringt sie gerade so in Sicherheit. Die Botschaft des Engels an die Sternenkundigen aus dem Osten, sein „Nehmt einen anderen Weg!“ – lässt sie einen Umweg machen und gerade so wieder sicher ans Ziel kommen.
 
Woran erkenne ich meinen Engel? Ich erkenne ihn daran, dass er meinen Blick weitet. Mich über den Horizont des Vorfindlichen hinausschauen lässt.
Engel bringen Gott und Mensch miteinander in Verbindung. Genau darum haben Engel an Weihnachten Hochkonjunktur. Genau darum sind Engel aus dem weihnachtlichen Geschehen nicht wegzudenken.
 
Gott und Mensch in Verbindung – mit dieser Botschaft rücken die Engel an Weihnachten mit einem Mal in die zweite Reihe. Lernen zusammen mit Maria und Joseph, mit den Hirten und Königen das Staunen.
Gott und Mensch in Verbindung – diese weihnachtliche Einsicht macht sich an der lebendigen Unbedarftheit und zugleich Weltzugewandtheit dieses Kindes im Stall von Bethlehem fest.
Gott und Mensch in Verbindung – das macht die Engel nicht überflüssig. Im Gegenteil. Brückenbauer sind sie. Deuterinnen und Deuter unseres Lebens. Bürginnen und Bürgen der Gegenwart Gottes mitten in dieser Welt.
 
Schon allein deshalb will ich ohne Engel nicht leben.  Schon allein deshalb freue ich mich über diese Briefmarke. Selbst der verwechselte Engel kann in diesem Jahr seine Botschaft an die Frau und den Mann bringen. „Fürchtet euch nicht!“ – wie wohltuend, dass der entscheidende Satz die Empfängerinnen und Empfänger unzähliger Briefe schon ins Herz treffen kann, noch ehe sie den Brief überhaupt geöffnet haben. So kann selbst der Briefträger ganz unerwartet zum Engel werden kann.
 
(Diese Predigt wurde leicht überarbeitet im Eröffnungsgottesdienst zur Tagung der Landessynode am 16. Dezember 2021 in Karlsruhe gehalten.)