Wahrsagen

Kristallkugel

Thomas Weiß

Gebrannte Mandeln, geschnitzte Krippen, gesüßten Glühwein – das und noch viel mehr gab es alles auf dem traditionellen „Historischen Weihnachtsmarkt“ vor dem Hamburger Rathaus, ausgerichtet vom Zirkus Roncalli (also irgendwie kunstvoll, farbig, nicht ganz konventionell und mit Liebe zum Detail). Derlei Köstlichkeiten ließen sich anderswo natürlich auch finden (wenn Weihnachtsmärkte überhaupt stattfanden), aber eine kleine Bude – grün gestrichen, mit einer großen Laterne davor, ohne Auslagen, die Türe einen Spalt weit geöffnet – habe ich so noch nirgendwo gesehen. Vielleicht kenne ich mich bei den Märkten in Stadt und Land nur nicht genügend aus, aber überrascht hat es mich doch. Während an anderen Buden an den schmalen Dachfirsten die lockendsten Werbetexte standen: Seife, Bratwurst, Zuckerwaren, Lederzeug und Hüte, hieß es an der neu entdeckten: Wahrsagen.
 
Bemerkenswert, finde ich: Da gab es Zukunft im Angebot. Solch ein Markt im Advent befriedigt wohl manches Bedürfnis nach Räuchermännchen oder Gebäck, dieser in Hamburg geht davon aus, dass der Blick in die Zukunft ebenfalls zum Lebensnotwendigen gehört. In Ordnung, über die Wichtigkeit von Keksen und Filzpantoffeln lässt sich’s streiten, aber dass wir gerne wüssten, was so auf uns zukommt – übermorgen, nächste Woche, im neuen Jahr – das steht außer Frage. Mal ganz vorsichtig gefragt: Wäre ein wenig Wahrsagerei nicht wirklich hilfreich?
Wenn ich wüsste, was genau auf mich zukommt an Unbill oder Glück – ich könnte mich etwas vorbereiten, mich schon mal wappnen oder vorfreuen. Aber klar, das funktioniert nicht so richtig, weil ich eben doch nicht genau weiß, was die Zukunft bringt und wohin dies und das läuft und führt. Ich glaube, darum verwahrt sich die Bibel auch so eindeutig gegen Kristallkugeln und Spökenkiekerei.
 
Die Bibel kennt keine Wahrsager – aber Propheten; und die sagen nicht, was kommt, sondern was dran ist.
Das, was dran ist, kann herausfordernd sein, zukunftsweisend, ermutigend. Die Propheten der Hebräischen Bibel legen den Finger in die Wunde, sprechen ohne Umschweife und Schönrednerei, sie sagen unverblümt, manchmal schonungslos, was Sache ist. Jeremia, Jesaja, Amos und wie sie alle heißen: sie waschen den Leuten den Kopf, sie nehmen kein Blatt vor den Mund, sie sprechen Mut zu, in ihre je eigene und unsere Gegenwart hinein, um ihrer und unserer Zukunft willen – weil sie ganz offensichtlich wissen: was wir jetzt tun und lassen, entscheidet über das, was wird, was schadet und schmerzt oder was hilft und heilt. Sie tun das sehr ausdrücklich im Namen Gottes, in seinem Auftrag.
 
Und dann kommt, mit Verlaub, doch etwas von Wahrsagerei ins Spiel: denn indem das, was sie rufen, flüstern und reden, in Gottes Namen laut oder leise wird, steht Gott dafür ein, dass es wahr ist. Solche Sätze etwa wie: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen!“, „Ich will euch trösten!“, „Fürchtet euch nicht!“. Darauf kann ich mich verlassen, Gott sagt die Wahrheit.
 
Und nicht nur, wenn mal wieder Marktbuden aufgeklappt werden und es nach Räucherwerk und Honigwachs duftet, nein, immer, jeden Tag. Und morgen auch.