Am Puls der Zeit

Jahreslosungsfahne 2022

Reinhild Prautzsch

Abgewiesen-Werden! Diese Erfahrung haben wir im vergangenen Jahr des Öfteren gemacht: Ein Besuch im Krankenhaus oder Pflegeheim bei Verwandten oder Freunden war nicht möglich. Eine OP ist verschoben worden, weil im Krankenhaus nicht genügend Pflegekapazitäten waren; Geschäfte, Restaurants waren geschlossen oder nach den geltenden Regeln nicht zugänglich; kulturelle Veranstaltungen mussten abgesagt werden; in Freundschaften oder Familien schlossen sich plötzlich Türen, weil man in den Fragen des Umgangs mit der Pandemie unterschiedlicher Meinung war.
 
Das alles ist schmerzlich, das bringt unser Leben durcheinander, das macht uns auch oft mutlos und nimmt uns ein Stück Lebensfreude.
Mitten hinein in diese Situation hören wir - und sehen wir am Kirchturm der Evangelischen Ludwigskirche in Langensteinbach - den Satz aus dem Matthäusevangelium:
 
Jesus Christus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Mt 6, 37)
 
Das ist ein Satz, der Mut machen will. Da werden wir nicht abgewiesen. Da öffnet sich eine Tür, Jesu Herzenstür ist offen, bei ihm bin ich willkommen.
 
Obwohl - ich könnte mir eine einladendere Jahreslosung vorstellen. Etwa zwei Verse vorher: Jesus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, der wird nimmermehr dürsten.“ Oder: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Mt 11,28)
In der Jahreslosung heißt es lediglich: „ich will euch nicht abweisen“ oder drastischer in der Lutherübersetzung: „ich will euch nicht hinausstoßen“. Aber auch wenn die Jahreslosung nicht so einladend formuliert ist, sie garantiert uns ein Eintritts- und Bleiberecht. Dabei spielt es keine Rolle mit welchen Anliegen wir zu Jesus kommen. Seine Tür steht offen, sein Wort gilt: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Mt 6, 37)
 
Luise Helm, Pfarrerin in Bad Schönborn, hat diese Jahreslosung für uns in ein Bild umgesetzt. Und unser Kirchturm eignet sich ganz besonders für dieses Bild, das Himmel und Erde verbinden will und das in die Höhe strebt.
Eine Straße führt hinauf von der Erde in den Himmel. Fußspuren neben dem Weg, teilweise auch ein wenig darauf. Ein Lebensweg, auf dem, oder neben dem wir gehen? Nun ja, für einen Lebensweg ist er ziemlich gerade. Wo sind die krummen Wege, die Irrwege, die Sackgassen? Aber dieser Weg ist als ein Kreuz gezeichnet, will heißen: unser Weg geht entlang des Weges, den Jesus gegangen ist, er lässt uns teilhaben, er nimmt uns mit auf seinem Weg.
 
Und warum sind auf der rechten Seite zwei Fische und fünf Kreise zu sehen? Zunächst einmal, diese Kreise bedeuten Brote, Fladenbrote, so wie sie im Orient gegessen werden. Und die zwei Fische und fünf Brote weisen auf den Zusammenhang, in dem unsere Jahreslosung zu finden ist: Die Speisung der 5000 Menschen: Da kommt nach einem langen Tag Hunger auf und die vielen Menschen brauchen etwas zu essen, Ein Kind kommt zu den Jüngern und bietet zwei Fische und fünf Brote an. Und Jesus weist dieses Kind nicht ab; er nimmt das Vertrauen des Kindes, das seine Brote bringt in der Gewissheit, das reiche für die vielen Menschen, ernst. Jesus dankt Gott dafür, er lässt die Fische und das Brot unter den Menschen verteilen – und es reicht – und es wird berichtet, dass am Schluss sogar noch 12 Körbe übrig gebliebenes Brot eingesammelt wird. Und später, als die Menschenmenge Jesus nachfolgt, sagt er ihnen diesen elementaren Satz: „Ich bin das Brot des Lebens!“
 
Auf unserem Lebensweg will Jesus uns also satt machen, satt an Körper und Seele. Jesus teilt mit uns Brot und Fische, er teilt mit uns sein Leben und sein Sterben, er macht uns satt hier im Leben auf der Erde und dereinst in der himmlischen Wirklichkeit.
Zwei gegensätzliche Bewegungen sind in dem Bild zu sehen: die Schrift ist bewusst zweigeteilt: „Christus spricht: Wer zu mir kommt,“ steht ganz oben; und vielleicht erfasse ich, wenn ich mit dem Auto an der Fahne vorbeifahre, nur diesen ersten Teil und frage mich, was das heißen soll. Und dann beim nächsten Mal nehme ich ganz unten den zweiten Teil wahr: „den werde ich nicht abweisen.“  Im Gegensatz zu dieser Bewegung der Schrift von oben nach unten, gehen die Füße auf der Straße von unten nach oben, von der Erde zum Himmel.
 
Mag sein, dass ich beim Vorbeifahren nur den unteren Teil der Schrift wahrnehme: „den werde ich nicht abweisen.“ Und vielleicht wird das zum Motto, das mich den Tag über begleitet und mein Handeln anderen Menschen gegenüber bestimmt. So kann Jesu Einladung an uns weiterwirken durch uns in unsere Welt hinein.
 
Reinhild Prautzsch, Pfarrerin im Ehrenamt, Langensteinbach
 
Künstlerin der Jahreslosungsfahne Langensteinbach 2022: Luise Helm
Luise Helm ist Pfarrerin in Bad Schönborn. Neben Ihrem Pfarrberuf ist sie freischaffende Künstlerin und Bezirksbeauftragte für Kunst und Kirche im Kirchenbezirk Bretten-Bruchsal.
Ihre Werke sind im öffentlichen Raum sowie bei Themenausstellungen zu sehen. Ihr Atelier ist jeden Freitag geöffnet: "Ein Raum, in dem die Seele Atem holen kann und in dem sich jeder und jede unter Anleitung ausprobieren kann."
Luise Helm nutzt verschiedene Techniken für ihre Werke. Sie malt, verwendet Druckverfahren, stellt Collagen her und schafft Installationen. Sie setzt ganz unterschiedliche Themen künstlerisch um („NaturRäume“, „LebensRäume“, „Heilige Räume“).
Einen Eindruck von ihrem Schaffen kann man unter www.luise-helm.net bekommen.