In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist der Babyboom ausgebrochen. Alle paar Wochen erreicht mich per Mail oder per WhatsApp das Foto eines Neugeborenen, betitelt mit: „Elias ist da!“ oder „Willkommen, kleine Norah!“ Die Freude über den neuen Erdenbürger ist jedes Mal riesig. Und spätestens wenn ich die kleine Familie zum ersten Mal zu Hause besuche, geht es so richtig los mit dem Schwärmen: „Also die Augen, die hat sie von mir!“, freut sich der Papa. - „Aber die Nase, das ist ganz eindeutig meine!“, kontert die Mama. Der Stolz ist den Eltern ins Gesicht geschrieben. Und oft setzen sie noch eins drauf: „Hast du gesehen, wie filigran seine Finger sind? Er wird bestimmt mal ein guter Klavierspieler, so wie sein Vater!“, bekomme ich zu hören. Oder: „So flink wie die Kleine sich jetzt schon bewegt wird sie später eine richtig gute Sportlerin, so wie ihre Mama!“
Ich gestehe: Die besonders filigranen Finger von Elias oder die flinken Bewegungen von Norah - mir wären sie nicht aufgefallen. Aber für die Eltern ist der kleine Mensch, der da neu in ihr Leben gekommen ist, das Größte. Sie betrachten ihn ganz mit den Augen der Liebe – und deshalb sehen sie, was andere nicht sehen: den angehenden Klavierspieler, die zukünftige Sportlerin.
Man könnte sich amüsieren über die erstaunliche Vorstellungskraft so mancher Eltern – aber ich glaube in ihr liegt etwas Wichtiges, etwas Wertvolles verborgen. Dass ihr Kind später tatsächlich einmal Pianist wird oder Sportlerin – ich denke: darauf kommt es den Eltern eigentlich nicht an. Aber aus jedem ihrer Worte spricht der tiefe Wunsch, dass ihr Kind es später gut haben möge im Leben. Dass es Raum haben soll, die kleinen und großen Talente zu entdecken, die Gott ihm in die Wiege gelegt hat. Wo andere ein kleines, hilfsbedürftiges Baby sehen, da sehen sie schon ein prall gefülltes Bündel voller Leben, voller Gaben, die nur darauf warten, sich nach und nach zu entfalten und die Welt reicher zu machen.
Ob Maria Ähnliches durch den Kopf gegangen ist in den ersten Lebenstagen des kleinen Jesus? Ich stelle mir vor, dass auch sie stolz ist auf das pralle Bündel Leben da in ihren Armen. Und dass auch sie Wünsche hat für ihren Sohn. Vielleicht zuallererst: dass der brüchige Frieden im Land noch eine Weile halten möge – damit ihr Sohn unbeschwert aufwachsen kann, mit Raum für seine Gaben und Talente, welche auch immer das sein würden.
Und dann war da noch diese sonderbare Botschaft des Engels gewesen: Dein Kind, Maria, wird einmal einen Unterschied machen. Gotteskind wird man es nennen: wo andere Hass schüren, wird es Frieden predigen. Wo andere sehen, was Menschen trennt, wird es auf das schauen, was sie verbindet. Wo Menschen im Dunkeln leben, wird es Licht schenken.
Groß waren Maria diese Worte vorgekommen, damals, vor neun Monaten – und auch jetzt noch kommen sie ihr groß vor, viel zu groß für das winzige Menschlein da in ihren Armen. Ihr Sohn – ein Gotteskind? Aber andererseits: war nicht jeder Mensch ein einzigartiges Bündel voller Gaben? Und musste nicht jede Veränderung in der Welt klein beginnen? Warum sollte nicht ihr Sohn es sein, der einen Unterschied machen würde? Maria beginnt zu sehen, was Gott für ihr Kind schon längst gesehen hat: mit den Augen der Liebe. Und mit den Augen des Glaubens.
Jeder kleine und große Mensch ist ein einzigartiges Bündel voller Gaben, die nur darauf warten, sich zu entfalten. Es ist nicht immer leicht das zu sehen. Aber mit den Augen der Liebe und mit den Augen des Glaubens ist es möglich. Und Gott selbst geht uns da mit gutem Beispiel voran: was er für den kleinen Jesus in Marias Amen sieht, das sieht er auch für uns. Gott schickt sein Kind zur Erde, damit auch wir Gotteskinder werden – das ist der Kern der Weihnachtsbotschaft.
Gotteskind sein – das ist eine Zusage. Und es ist eine Verheißung. Wir sind nicht Christus, sind nicht der Gottessohn, der Retter der Welt. Aber wir heißen Gotteskinder, heißen Christinnen und Christen, weil Gott uns zutraut, seinem Sohn nachzufolgen. Gott malt sich nicht aus, dass wir berühmte Klavierspieler werden oder Sportlerin. Aber er malt sich aus, dass wir unsere Gaben nutzen, um einen Unterschied zu machen in dieser Welt, wie groß oder klein er auch sei.
Wo andere Hass schüren, sollen wir Frieden predigen. Wo andere sehen, was Menschen trennt, sollen wir auf das schauen, was sie verbindet. Wo Menschen im Dunkeln leben, sollen wir Licht schenken. Und damit dürfen wir klein anfangen – so klein wie das Kind in der Krippe. Wir dürfen immer wieder neu erste Schritte machen, so wie es Elias und Norah tun werden – liebevoll an der Hand gehalten von ihrem Vater, von ihrer Mutter.
Vikarin Anna-Maria Semper, Karlsruhe-Durlach
