„Ich war bei euch in großer Schwachheit“

Matthias Kreplin
Der Predigttext des 2. Januar-Sonntags ist in diesem Jahr ein Abschnitt aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth (1.Korinther 2,1-10). Paulus blickt darin auf seine Anfangszeit in Korinth zurück, in der es ihm gelungen war, in dieser multikulturellen Großstadt im Ostteil des römischen Reiches eine christliche Gemeinde zu gründen. Paulus blickt also auf einen Missionserfolg zurück, auf den Anfang des Christentums in diesem Zentrum der antiken Welt. Erstaunlicherweise lautet sein Rückblick so:
„Als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in großem Zittern.“ (1.Kor. 2,1-3).
Über diese Anfangszeit in Korinth gibt es auch einen Bericht in der Apostelgeschichte (Apg. 18,1-18). Dort ist von heftigen Auseinandersetzungen zu lesen. Wie üblich geht Paulus zunächst in die Synagoge und versucht, die Juden für den Glauben an Jesus Christus zu gewinnen. Die Mehrheit lehnt Paulus und seinen neuen Weg offenbar ab und er wird mit Schimpf und Schande aus der Synagoge vertrieben. Nur einzelne wenden sich dem neuen Glauben zu. Unter den heidnischen Sympathisanten des Judentums, den Gottesfürchtigen hat Paulus offenbar größere Resonanz. Das verstärkt noch einmal den Konflikt mit der ortsansässigen Synagogengemeinde, denn wenn Paulus diese wichtigen Unterstützer der Synagoge abwirbt, dann könnten der Synagoge auch wichtige Spender verloren gehen. Der Konflikt eskaliert so weit, dass gegen Paulus ein Verfahren vor dem römischen Statthalter angestrengt wird. Zum Glück hält dieser sich aus den innerjüdischen religiösen Streitfragen heraus, aber er verhindert auch nicht, dass es zu Gewaltausbrüchen gegen Einzelne kommt. Das Ganze scheint über gut eineinhalb Jahre zu gehen, erst dann reist Paulus weiter. Viele Monate der Aufregung, der Kränkungen, der Verletzungen, der Angst und Unsicherheit. Vielleicht können wir so besser verstehen, was Paulus meint, wenn er schreibt: „Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und in großem Zittern.“ (1.Kor. 2,3)
Trotz dieser Schwachheit und dieser angefochtenen Position hat Paulus Menschen für den christlichen Glauben gewonnen, vielleicht gerade wegen seines Umgangs mit dieser Schwachheit und diesen Angriffen. In seinen Worten schreibt er: „Ich hielt es richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn den Gekreuzigten.“ (1.Kor. 2,2). Offenbar steht er diese schwierige Zeit durch, indem er sich immer wieder zurückbezieht auf das Geschick Jesu, der eben auch einer war, der verleugnet, angegriffen, ausgestoßen und am Ende um seiner Treue zu Gott willen sogar umgebracht wurde. Paulus konnte offenbar festhalten im Vertrauen auf Gott, auch in dieser für ihn persönlich schwierigen und bedrohlichen Situation mit ungewissem Ausgang. Mir scheint, gerade das hat einige Menschen in Korinth beeindruckt und zu dem Schluss geführt: an diesem neuen Weg, den Paulus da verkündet, muss etwas dran sein. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, zuzuhören.
Unsere Situation als Kirche ist gegenwärtig nicht von so massiven Anfeindungen geprägt, wie Paulus sie erlebt hat. Aber auch wir stehen unter Druck. Für viele steht der christliche Glaube in Frage und hat seine Selbstverständlichkeit verloren. Menschen wenden sich von der Kirche ab und treten aus. Für unsere Organisation Kirche verschlechtert sich damit die finanzielle Basis. Und unsere Kirche ist in den nächsten Jahren genötigt, Stellen abzubauen und Gebäude aufzugeben. Auch wir sind in einer bedrängenden Situation. Bei vielen gibt es eine große Ungewissheit, wie es weitergehen wird. Auch die Sorge, dass so viele Anstrengungen umsonst waren.
Die Anfangszeit des Christentums und die Erfahrungen des Paulus in Korinth können uns helfen, in dieser Situation Perspektiven zu finden. Es geht in solchen Zeiten der Bedrängnis darum, den Blick auf Jesus Christus nicht zu verlieren. Unsere Zuflucht nicht zuerst in raffinierten Marketing-Strategien zu suchen, um Menschen für die Kirche zu gewinnen, unsere Hoffnung nicht als erstes auf kluge Organisationsoptimierungsprozesse zu setzen, sondern uns zu allererst an Jesus Christus auszurichten. Und das Vertrauen zu erneuern, dass Gott uns nicht im Stich lässt, wie er auch Jesus Christus, den Gekreuzigten nicht im Stich gelassen hat. Menschen müssen an den Kirchenleuten dieses Vertrauen und diesen Glauben erleben, wenn Kirche für sie attraktiv sein soll.
Das bedeutet für uns Kirchenleute: es geht darum, dass wir uns immer wieder daran erinnern, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist. Es geht darum, dass wir die Vorstellung loslassen, Kirche müsse so bleiben wie sie ist, sondern anerkennen, dass manch bisher Überkommenes in unserer Kirche vielleicht für immer seine Zeit gehabt haben wird. Und dieses Loslassen kann uns gelingen, wenn wir darauf vertrauen, dass Gott gerade aus dem Kleinen und Unscheinbaren Neues entstehen lassen kann und wird.
Gerade solche Zeiten des Umbruchs, der Verunsicherung, der Krise können Zeiten sein, in denen Neues und für die Zukunft Wegweisendes entsteht. Die 18 Monate des Paulus in Korinth sind ein Beispiel dafür. Lassen wir uns durch dieses Beispiel ermutigen! Vielleicht wird man dann einmal im Rückblick auf die Kirchengeschichte in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts sagen: es war eine Zeit großer Schwachheit und von Auseinandersetzungen, aber zugleich auch ein Anfang für eine neue Epoche von Gottes Geschichte mit uns Menschen.
Dr. Matthias Kreplin
Oberkirchenrat / Leiter des Referats 1 "Verkündigung in Gemeinde und Gesellschaft"