Immer im Januar

Küste mit Schiff

Monika Lehmann-Etzelmüller

Immer im Januar frage ich mich, was ich vom alten Jahr mitgenommen habe ins neue. Meistens viel Schönes und Gutes. Dieses Jahr auch manches, was mit C anfängt und worauf ich gern verzichten würde. Als ich heute Morgen das Radio angemacht habe, tönte ein weiterer Wiedergänger aus den Boxen: Das Lied „The Wellerman“.
 
Erinnern Sie sich? Von der Videoplattform TikTok aus zog der Ohrwurm durch die sozialen Medien und die Radiosender. Dabei hatte der schottische Postbote Nathan Evans das Video nur aus Spaß veröffentlicht. Schon bald wird es überall gesungen und gecovert. Aus dem Postboten wird ein Shantystar mit Plattenvertrag. Auch jetzt, wenn das neue Jahr schon ein wenig angeknabbert ist, habe ich nicht genug von dem Lied. Ich kriege jedes Mal gute Laune, wenn es im Radio kommt.
 
Wie konnte gerade dieses Lied so bei uns einschlagen? In dem Shanty aus Neuseeland geht es um den Walfang. Was mich angeht ist das nicht gerade ein Thema, mit dem ich mich tagein tagaus beschäftige.
 
Im Refrain wird der „Wellerman“ herbeigesehnt. So heißt das Versorgungsschiff, das die Seeleute mit Proviant, Post und Lebensnotwendigem versorgt. Das passt schon besser. Herbeigesehnt habe ich eine Menge in alten und im neuen Jahr. (Neue) Impfstoffe, (neue) Impftermine, (bleibende) Wiedereröffnung der Schulen und dass das Leben wieder leichtfüßiger wird.
 
Aber für viele, denen das Lied als Ohrwurm im Kopf trällert, ist etwas anderes wichtiger als der Text. Wichtig ist, dass das Lied so viele Menschen miteinander verbunden hat. Selbst ein neuseeländisches Seemannslied kann zum Ausdruck bringen: wir sitzen im selben Boot, dann lasst uns auch zusammenhalten. Diese Botschaft tut auch am Anfang eines neuen Jahres mit viel Ungewissheit gut.
Wir halten zusammen. Wie wichtig ist es, dass das Raum bekommt und der Pandemieerschöpfung trotzt. Wenn ich zurückschaue, bin ich dankbar für jeden Tag, an dem sich das gezeigt hat. In der Hilfsbereitschaft nach der Katastrophe im Ahrtal. In der Unermüdlichkeit, mit der sich Menschen gegen die Pandemie gestemmt haben.
 
Bis zum Anfang des neuen Jahres gab es bei uns in Weinheim eine Aktion, wo der Zusammenhalt sich mir besonders gezeigt hat: das „Woinemer Woinachtsradio“. Es wurde von einem Team der Weinheimer Jugendmedien organisiert, von ehrenamtlicher Mitarbeit getragen und von Sponsoren und Spendern gestützt. Es wandte sich vor allem an Seniorinnen und Senioren. Alle, die zuhören, sind durchs Radio miteinander verbunden. Sie konnten am Leben in der Stadt und auch unserer Kirchengemeinden teilnehmen, und das, ohne den Sessel zu Hause zu verlassen.
 
Kurz vor Weihnachten hat unsere Synode eine neue Bischöfin gewählt. Ob sie Shantys singt, weiß ich nicht. Aber es gibt ein Wort, das Heike Springhart gern gebraucht: das Wort „hoffnungsstur“. Das Wort gefällt mir. „Wellerman“ ist nicht nur deshalb der Hit des letzten Jahres, weil es solch ein Ohrwurm ist und gute Laune in trüben Pandemiezeiten macht. Es ist Hit des Jahres, weil es hoffnungsstur ist. Hoffnungsstur sind die Lieder, die wir in der Epiphaniaszeit in unseren Gottesdiensten singen. Jesus ist kommen, nun springen die Bande!  Hoffnungsstur leuchtet uns der Morgenstern, lieblich, freundlich, schön und herrlich. Hoffnungsstur ist die Botschaft der Engel, die wir mitnehmen, auch wenn Weihnachten im Alltag verblasst: Du musst dich nicht fürchten. Hoffnungsstur will ich unterwegs sein durch dieses Jahr.
 
  

Monika Lehmann-Etzelmüller

Dekanin im Evangelischen Kirchenbezirk Neckar-Bergstraße