Der Glaube des Hauptmannes von Kapernaum oder: Verkehrte Welt

Soldat blickt in Tal und Berge mit Schnee

Gregor Bergdolt

Ich habe es nicht so mit dem Militär. Manche meinen, Verteidigungsarmeen seien notwendig auf dieser machtverzerrten Erde. Wie sollte sonst zum Beispiel die russische Seite, die als Aggressor bei uns gesehen wird, davon abgehalten werden, in die Ukraine einzumarschieren?
 
Wer ist Aggressor, wer friedenswillig und wer kriegslüstern in unseren Zeiten?
 
Ich fand die frühere Zeit ehrlicher. Ich wohne nahe der Roggenbachstraße in der Karlsruher Weststadt. Ich kannte den Namen nicht. Darunter steht für Leute wie mich, wer Herr Roggenbach war: ein Kriegsminister des badischen Großherzogtums im 19. Jahrhundert. Damals gab es noch Kriegsminister. Heute sind sie alle zur Verteidigung übergegangen, auch in Russland und in China. Wenn alle das ernst nehmen würden, bräuchten wir keine Verteidigungs-Armeen. Die Angreifer fehlten.
 
Andererseits: wurden nicht alle Kriege der jüngeren Vergangenheit geführt zur Prävention? Die Armee des Feindes hätte gewiss angegriffen, wäre unsere Armee ihr nicht zuvorgekommen.
 
Wo verläuft die Grenze zwischen Verteidigung und Angriff? Und wer fühlt sich nicht bedroht bei ständigen Innovationen der Waffen und der künstlichen Intelligenz dahinter? Da braucht es die neuesten Waffen, um verteidigungsfähig zu sein. Logisch! Und so weiter in der Logik des Herrschens und Beherrschtwerdens ….
 
Zu Jesu Zeit war es einfacher. Da war das Weltreich Rom einmarschiert in Palästina, weil es die Macht dazu hatte. Da war es klar, wer die böse Macht war. Und die besetzten Gebiete mussten bluten, finanziell und menschlich.
 
Wie waren die Begegnungen zwischen Besatzern und Unterjochten? Feindselig. Ganz bestimmt. Wie denn sonst! Umso erstaunlicher ist diese Geschichte im Matthäusevangelium (Matthäus 8, 5-13).
Ein Offizier der Besatzungstruppen wendet sich an einen Sohn des besetzten Landes mit einer Bitte. Verkehrte Welt. ‚Herr‘, spricht er Jesus an. Und die Bitte selbst ist auch überraschend: ‚Mein Diener liegt krank im Bett und krümmt sich vor Schmerzen. Hilf ihm!‘ So viel Fürsorge eines Herren für seinen Diener. Und so viel Einsatz.
 
Es kommt noch besser. Jesus hätte als Sohn der Unterdrückten vorbeigehen, abwarten, hochnäsig sein, den Hauptmann seine Überlegenheit spüren lassen können. Doch er geht direkt auf seine Bitte ein. ‚Wo ist dein Haus? Ich will hingehen und ihn heilen‘.
Darauf spricht dieser Hauptmann die ganz und gar erstaunlichen Worte: ‚Ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach kommst… Es reicht doch, wenn du ihn von hier aus gesund machst. Du musst es nur sagen, dann geschieht es.‘
 
So viel Zutrauen, so viel Klarheit, welche Kraft Jesus gegeben ist bei einem Ausländer, Besatzer, Kriegsdiener. Verkehrte Welt!
 
Die Menschen, an die sich Jesus vor allem wendet, zögern, misstrauen, geringschätzen ihn. Dagegen das rückhaltlose Vertrauen des römischen Offiziers: du kannst das. Tu das!
 
Manchmal halten uns Menschen anderer Herkunft den Spiegel vor, zeigen, wie wir sind, beschämen uns, unser mangelndes Vertrauen in das, was Gott vermag.
 
Manchmal lernen wir am Verhalten fremder Menschen, wie es gemeint ist, das Leben im Glauben von Gott her. Wo Not ist, da hilf. Wo Vertrauen ist, da gib, was du hast.
 
Wo Glaube an Gott ist, lässt sich nicht an der Konfession, Religion, Herkunft ablesen. Das Zutrauen in die Menschenfreundlichkeit Gottes überspringt unsere Vorurteile. Im Besatzer kann ein tief gläubiger Mensch stecken. Und ich kann meilenweit vom echten Glauben entfernt sein, der ich mich unter Gottes Volk rechne.
 
Die vom Osten, Norden, Westen, Süden werden bei Gott zu Tisch liegen. Die Frau mit dem Kopftuch, der Mann mit schwarzem Haar, dem langen Bart und der Dschallabiya, die Jugendliche im schrillen Outfit. Und ob ich selbst dabei sein werde?
 
Heilsame Verunsicherungen gehen von dieser Geschichte aus. Das finde ich gut.
 
Sie durchkreuzen unsere eingefleischten Sichtweisen in Bezug auf Jesus, den Glauben, die Menschen anderer Herkunft und sogar bei denen, die wir womöglich mit guten Gründen unter unsere Feinde zählen. Und unter Militärs, russischem Militär können sich feine, zugewandte, empfindsame Menschen finden. Und Glaubensvolle noch dazu.
 
Keine Friedensbewegung ist für mich in christlichem Sinne denkbar, die Militärs allesamt unter die Handlanger des Krieges zählt. Gott hat seine Herzensfreunde und -freundinnen in Gruppen, die mir fremd sind. Er ist überall gegenwärtig. Bleiben wir offen, neugierig, in welchen Menschen uns der Glaube an den Gott der Bibel begegnet.