Der frühere Landesbischof Dr. Ulrich Fischer hat einmal erzählt, wie er sich im Parkhaus merkt, wo sein Auto steht. Die Plätze in Parkhäusern sind durchnummert. Meistens gehen die Nummern von eins bis ein paar Hundert. Ulrich Fischer überlegte, welchem Lied im Gesangbuch die Stellplatznummer entspricht. „Heute parke ich auf ‚Sonne der Gerechtigkeit‘, also steht mein Wagen im zweiten Parkdeck auf Platz 262.“ Der Landesbischof konnte die Lieder mit ihren Nummern so ziemlich auswendig. Und ich muss sagen, selbst wenn man das nicht perfekt kann, funktioniert der Trick. Parke ich auf einem Platz um die 100, brauche ich nur daran zu denken: Osterchoräle. Das Auto werde ich finden, ob es auf 105 oder 115 steht. Oder bei den 300er-Zahlen: Lobgesänge!
Natürlich weiß ich, dass man auch ein Handyfoto machen kann. Aber ist es nicht schöner, sich etwas im Kopf zu behalten? Und ist die Verbindung zu einem Kirchlied nicht inspirierend? Andere Eselsbrücken sind genauso möglich. Wie wäre es mit Geburtsdaten von Leuten, die ich kenne? Ich stehe auf Platz 186. Wer aus meinem Bekanntenkreis ist um den 18. Juni herum geboren?
Warum heißt es eigentlich „Eselsbrücke“? Angeblich waten Esel nicht gerne durchs Wasser. Dumm sind die Tiere nicht. Durch die spiegelnde Wasseroberfläche sehen sie nicht, wohin sie treten, also bleiben sie vorsichtig. Aus diesem Grund hat man in alten Zeiten an bestimmten Stellen Brücken über den Bach gebaut. Da wusste der Esel, an der Stelle komme ich auf die andere Seite. Das war seine Eselsbrücke.
Wenn irgendwann ein neues Gesangbuch erscheint, hat das neben vielen Vorzügen auch einen Nachteil: es gibt eine neue Nummerierung. Oder bringt das den Gewinn mit sich, dass man das Gedächtnis trainiert, indem man die neuen Nummern lernt?
Im Psalter steht der schöne Imperativ „vergiss nicht!“ Dabei geht es um mehr als ein abgestelltes Fahrzeug. Was Gott mir Gutes getan, soll ich nicht vergessen. Es ist ein Appell an die dankbare Seele. Wie ich diese Aufforderung umsetze, bleibt ebenso meiner Kreativität überlassen wie das Erfinden von Eselsbrücken.
Das Aufzählritual kennen viele: sich jeden Abend drei Erfreulichkeiten des Tages ins Gedächtnis rufen. Irgendwo habe ich gelesen, jemand legt für jedes schöne Erlebnis ein Reiskorn in ein Glas. Wenn das Glas voll ist, kocht sich derjenige ein leckeres Reisgericht. Das ist sein kleines Erntedankfest.
Wenn wir schon bei den Psalmen sind: die Psalmnummern wären auch als Eselbrücke geeignet, um das Auto wiederzufinden. Für kleine Parkhäuser mit bis zu 150 Stellplätzen würde es passen. Allerdings müsste ich die Psalmentexte verinnerlichen. Wenn ich Glück habe, ist der Platz 23 frei. Da fällt mir der passende Psalm schnell ein
Pfarrer Jörg Hirsch
