Strahlend

Sonne bricht durch Nebel

Dagmar Zobel

Ein strahlender Mose! So begegnet er uns im Predigttext am letzten Sonntag nach Epiphanias (2. Mose 34, 29-35).
 
Folgt man der vorausgehenden Erzählung hat er ein anstrengendes Auf und Ab am Gottesberg hinter sich.  Denn die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk hat sich nicht romantisch und unkompliziert entwickelt seit dem Auszug aus Ägypten.  
 
Den Weg durchs rote Meer haben sie geschafft und den Ägyptern sind sie entkommen. Lange Durststrecken durch die Wüste haben sie hinter sich gebracht und dann sollte es ein Happy End geben am Sinai, am Gottesberg. Hier würde ihnen Gott, dem sie ihre Rettung verdankten, endlich begegnen. Doch es kam anders.
 
Die Begegnung mit Gott verlief enttäuschend. Die Israeliten sahen nur Feuer und Rauch und Mose, der allein auf den Berg stieg. Gott blieb verhüllt und Mose kam nicht zurück. 
 
Die junge Liebe war offensichtlich nicht sehr stabil, und das Vertrauen zu gering, als dass solche ungewissen Zeiten hätten durchgestanden werden können. Jedenfalls suchten die Israeliten etwas Verlässlicheres als Mose und seinen ominösen Gott. Sie machten sich ihr eigenes Gottesbild, stark und glänzend, ein goldenes Kalb zum Anschauen und Anfassen.
 
Und dann war Mose doch plötzlich wieder da, im Gepäck die zwei Tafeln mit den 10 Sätzen, die Gott ihm diktiert hatte. Und die Israeliten erstarrten in ihrem Tanz um das Goldene Kalb, hatten auf einmal wieder alles klar vor Augen: wie Gott sie bisher geführt und bewahrt hatte und wie sie mit ihrem Misstrauen und ihrem Zweifel nun alles kaputt gemacht haben. Wie zur Bestätigung, dass diese Liebesgeschichte nun zu Ende war, zerbrach Mose die beiden Tafeln, die Tafeln des Bundes, den Gott ihnen angeboten hatte und alles schien in diesem Augenblick verloren.
 
Wie ist das, wenn Gott sich verhüllt, wenn er im Nebel verschwindet? Die Erfahrungen, die die Israeliten damals am Sinai machten, haben sich tausendfach wiederholt in der Geschichte Israels, in der Geschichte der Christenheit, in unseren eigenen Geschichten mit Gott. Es gibt so viele Missverständnisse und Verwicklungen in diesen Liebesgeschichten zwischen Gott und uns Menschen, die immer wieder dazu führen, dass wir aufgeben, an seine Treue zu glauben, dass wir keine Geduld haben, wenn er nicht greifbar ist, dass wir an seiner Liebe zweifeln und uns dann enttäuscht abwenden. Gerade in den Wüstenzeiten des Lebens warten Menschen doch auf ein Zeichen oder Wunder, das Kraft gibt zum Durchhalten und Weitergehen. „Wie kann ich denn Gott vertrauen, wenn ich so gar nichts merke von seiner Güte und Treue? Er soll sich doch zeigen, damit ich sicher sein kann, dass er in meiner Nähe ist, dass ich nicht gottverlassen bin!“
 
Auch Mose hat so gefragt, damals, als er nach diesem Treuebruch versuchte, bei Gott ein gutes Wort für das abtrünnige Volk einzulegen und es nicht seinem berechtigten, vernichtenden Zorn auszuliefern: “Woran soll erkannt werden, dass ich und dein Volk vor deinen Augen Gnade gefunden haben, wenn nicht daran, dass du mit uns gehst?“ (2. Mose 33,16) ruft er Gott zu. „Alles wäre viel einfacher, wenn du sichtbar mitten unter uns wärst.“
 
Dann wäre alles einfacher, dann wären doch alle Zweifel um die Anwesenheit Gottes beseitigt.
 
Zwar erklärte sich Gott bereit, den gebrochenen Bund mit seinem Volk Israel zu erneuern, doch diese Bitte gewährt Gott nicht. Immer wieder wird in der Heiligen Schrift darauf hingewiesen, dass die unmittelbare Nähe Gottes für uns Menschen gar nicht auszuhalten wäre.
 
Aber ein bisschen kommt er Mose entgegen. Mit aller Sorgfalt und Umsicht zog Gott an Moses Angesicht vorüber und offenbart ihm sein barmherziges und vergebungsbereites Wesen. Diese enge Begegnung mit dem von Herzen gütigen Gott hat Mose, ohne dass er es gemerkt hatte, sein Angesicht erstrahlen lassen. Mit diesem strahlenden Antlitz steigt er erneut vom Berg herab, und in seiner Person spiegelt er selbst die Barmherzigkeit Gottes wider, die erst die Erneuerung des Bundes ermöglicht hat. Gott hat ihn zu seinem Mittler eingesetzt. Mose wird von nun an mit seinem verklärten Antlitz eine gütige, eine schonende Form der Gottesnähe verkörpern, in der auch der Sünder auf Vergebung hoffen darf. „Du bist in der Mitte des Volkes“, sagt Gott zu Mose. In die Mitte des Volkes hat Gott Propheten geschickt, in die Mitte des Volkes hat er die Thora gegeben, die Bücher der Weisungen. Darauf sollen sie hören. Darin erweist sich Gottes Gegenwart.
Und solange sich das Volk an Mose und seine Botschaft erinnert, darf es der Treue Gottes zu seinem erneuerten Bund gewiss sein.
 
Im Evangelium dieses Sonntags (Matthäus 17, 1-13) wird Mose als Vorläufer von Jesus Christus gezeichnet und in der Tat hat ihr Handeln einige Parallelen.
 
Wie mit Mose in der Mitte des Volkes ein Mensch steht, so steht auch mit Jesus ein Mensch in unserer Mitte. Er ist der Vermittler. In ihm ist der abwesende Gott gleichzeitig der anwesende, mitten unter uns. Wie Mose ist er solidarisch mit dem schwachen, kranken, sündigen Menschen, wie Mose tritt er fürbittend für die Menschen ein und mit seiner aufopferungsvollen Liebe und Hingabe reißt er selbst die Todesgrenze ein. In seiner Verklärung und Auferstehung bezeugt Gott seine Liebe und Treue auch im Neuen Bund. Darauf richten wir unsere Hoffnung. Die Liebesgeschichte Gottes mit seinem Volk, und mit denen, die er in diese Geschichte weltweit hingenommen hat, ist noch längst nicht am Ende.