Natürlich, je komplexer ein System, je wichtiger seine Organisation. Menschen schreiben große Regelwerke, um ihr Zusammenleben zu ordnen. Sie schaffen Verfassungen, Gesetzesbücher und Satzungen. Sie verfassen Verordnungen und Richtlinien. In diesen fassen sie das, was sie für gerecht halten, in Recht. Manchmal klappt das gut, und manchmal ist das Recht auch ganz schön ungerecht.
Und dann stehen wir da und fragen: Ist ein Recht gerecht, nach dem Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung ihre Arbeitsstelle verlieren? Ist alles Recht gerecht, das Länder geschrieben haben, um das komplexe Geschehen einer Pandemie in den Griff zu bekommen? Und wie ungerecht war das Recht, mit dem der Staat im Dritten Reich Juden und Andere verfolgte und tötete? Der 80. Jahrestag der Wannseekonferenz hat, auch mit der Neuverfilmung dieses menschenverachtenden Treffens daran erinnert.
recht oder gerecht?
Natürlich, Staaten können versuchen, Recht möglichst gerecht zu gestalten. Und sie können die Bürger dazu einladen, ihnen dabei über die Schulter zu schauen. Die Architektur des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe oder des Reichstagsgebäudes in Berlin symbolisieren dies. In Berlin kann man durch die Glaskuppel den Parlamentariern beim Arbeiten zuschauen und in Karlsruhe können die Bürger durch die großen Glasfronten dem Gericht über die Schulter schauen. Der Versuch, Recht gerecht zu gestalten, ist eine Aufgabe des ganzen Staats samt aller Bürger. Aber trotz der Glasfassaden und -kuppeln wird auch das deutsche Recht nie jeder Menschensituation gerecht.
recht oder gerecht?
Dabei ist der Wunsch des Menschen nach Gerechtigkeit so alt wie die menschliche Kultur. Statuen der Justitia, der personifizierten Gerechtigkeit, gibt es schon seit der Antike. Oft hält sie eine Waage in der Hand und hat die Augen verbunden, denn Recht, so die Vorstellung, soll ohne Ansehen der Person gesprochen werden. Das sagte auch Karl Theodor, der Fürst der Kurpfalz, der auf der Alten Brücke in Heidelberg eine Justitia aus Sandstein positionierte. Aber auch die Kurpfalz im 18. Jahrhundert war kein Staat voller Gerechtigkeit.
recht oder gerecht?
Der Wunsch nach Gerechtigkeit sitzt tief in den Kindern. Deshalb sind die acht Grundschüler auch so sauer. Sie haben 10 Minuten lang das Klassenzimmer aufgeräumt. Haben den Müll herausgebracht und die Tafel gewischt. Nach 5 Minuten haben sie Hilfe bekommen von weiteren acht Grundschülern. Die letzten acht Kinder saßen nur an ihren Plätzen herum und haben zugeschaut. Erst als fast alle Arbeit erledigt war, sind auch sie aufgestanden und haben bei den Resten mitgeholfen. Jetzt ist „Zahltag“. Ein Schokoriegel pro Kind. Das war die Abmachung, die der Lehrer mit den ersten acht Kindern, die er ausgewählt hat, verabredete. Der Lehrer fängt mit der Bezahlung aber bei denjenigen an, die nur die letzte Minute gearbeitet haben. Jeder bekommt einen Schokoriegel. Die Hoffnung der ersten acht wächst. Sie haben so hart gearbeitet, vielleicht springt ja ein zweiter Riegel für sie heraus. Doch als sie an der Reihe sind, erhalten auch sie nur einen Riegel. Ist das nicht ungerecht? Sie beschweren sich. Und der Lehrer sagt nichts anderes, als dass das das abgemachte Recht war.
recht oder ungerecht?
An diesem Sonntag Septuagesimae denken wir über Gerechtigkeit nach. Dabei wird in vielen Kirchen die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg vorgelesen (Matthäus 20, 1-16), die die Kinder im Reli-Unterricht gespielt haben. In den biblischen Gleichnissen stecken immer viele Wahrheiten. Die Kinder haben aus dem Unterricht zwei Botschaften mitgenommen: recht fühlt sich nicht immer gerecht an. Es war rechtens, dass auch die mit der härtesten Arbeit nur einen Schokoriegel bekommen haben. Und dennoch sind sie sauer. Aber die zweite Botschaft tröstet sie: in der großen Pause essen alle Kinder ihren Schokoriegel. Danach sind alle satt und auch die, die länger gearbeitet haben, wissen, dass sie einen zweiten oder dritten Riegel gar nicht mehr schaffen würden.
recht oder ungerecht?
Wir Menschen schreiben Recht. Gott schafft Gerechtigkeit. Wir brauchen menschliches Recht, damit wir zusammenleben können. Es ist gut, dies in dem Wissen zu tun, dass Gottes Gerechtigkeit immer noch größer ist und alle unsere Fehler in der Rechtssetzung und Rechtsprechung ausgleicht.
Kirchenrat Dr. Lucius Kratzert
