Es muss

Mann stützt Kopf auf Hand

Thomas Weiß

Sind Sie auch so sprach- und ratlos, wie ich’s gerade bin? Mit einem wohlkalkulierten Schulterzucken wird Krieg ausgerufen, werden Grenzen überrannt und Menschenleben, Menschwürde und Völkerrecht zu vernachlässigbaren Größen degradiert. Was nun? Wohin soll das gehen?
 
Wat mutt, dat mutt! – sagen die Nordlichter gerne, wenn sie wissen, dass sie sich dreinschicken müssen. Es gibt halt Dinge, die änderst du nicht, die musst du geschehen lassen, wie’s die Situation will – da hast du keine Wahl. So fühlt es sich gerade an: Unsere Hände sind gebunden, wir haben keinen Plan.
 
Dabei hätte ich sie gerne, oft genug, die Wahl. Wenn ich mein Schicksal wählen könnte, wenn ich’s mir aussuchen dürfe, dann würde ich nicht krank, dann lernte ich all die Dinge, die das Leben mir zu lernen aufgibt, auch ohne Müh und Not. Wenn ich’s entscheiden dürfte, wären alle längst geimpft, stürben im Jemen keine Kinder den Hungertod, zögen die russischen Soldaten fröhlich nach Haus und genössen den Frieden mit ihren Familien – und kein Mensch in der Ukraine müsste sich fürchten. Das wäre so, weil ich einfach nicht einsehen mag, dass so viel Schmerz und Leid sein müssen. Dat mutt nich‘! – finde ich.
 
Dass überhaupt irgendwer Todesangst haben muss, im Osten Europas oder anderswo, dass jemand an seinen Umständen verzweifelt, dass Frauen missachtet, Kinder misshandelt werden, dass Machtgier und Chauvinismus und Gleichgültigkeit die Oberhand haben, damit bin ich nicht einverstanden. Und in Petrus habe ich da, wie Markus erzählt, einen guten Fürsprech (Markus 8,31-38). Als Jesus auf sein Leiden anspielt, nimmt Petrus ihn zur Seite „und fing an, ihm zu wehren“: „Komm, Jesus, wer sagt denn, dass das sein muss, das hast du doch nicht verdient; da sei Gott vor!“. Und was ihm noch alles eingefallen sein mag, um Jesus davon zu überzeugen, dass es doch wohl nicht sein müsse, dass er scheitert und stirbt. Nee, dat mutt nich‘! Ich bin Petrus wirklich dankbar, dass er die Leidensankündigung Jesu nicht einfach akzeptiert, dass er sich wehrt und seinem Unverständnis Worte verleiht. Da trifft er genau meinen Punkt – den Jesu aber offensichtlich nicht. Der geht doch recht unwirsch um mit meinem Freund, nennt ihn „Satan“ und wirft ihm vor: „Du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!“.
 
Hm – ja eben! Was ist denn daran falsch? Es ist doch menschlich und gut, einem Menschen nicht alles Unglück an den Hals zu wünschen und nicht einfach hinzunehmen, dass es so viel Krankheit, Ungerechtigkeit und Mord gibt, dass eine Nation mit Krieg überzogen wird. Aber wenn Jesus „menschlich“ sagt, meint er – gewiss nicht ohne Verständnis für uns – unsere verkürzte Perspektive. Unser Horizont ist ein menschlicher – der göttliche ist weiter, viel, viel weiter. Und: menschlich ist es wohl, sich alles Leid, allen Schmerz, den großen Tod und die vielen, fiesen Unannehmlichkeiten einfach wegzuwünschen. Helfen tut es freilich nichts: das Wünschen. Stattdessen muss etwas getan sein.
 
Das ist eben der göttliche Horizont, das ist die göttliche Entscheidung: das, was uns bedrängt, zu Boden drückt, den Atem raubt, selbst zu tragen, anzunehmen, aus- und durchzuleben. Nichts anderes macht Jesus in seiner Passion, am Kreuz. Er geht jeden menschlichen Weg mit, bis zum bitteren, zum tödlichen Ende – um uns schließlich mitzunehmen auf seinem göttlichen Weg, ins Licht, ins Leben, in den neuen (Oster-)Morgen.
 
Muss das so sein? Ja, wat mutt, dat mutt. „dei“ (das griechische Wort für „es muss, es ist notwendig, da gibt es keine Wahl“), heißt es bei Markus: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden“. Muss das sein? Ja, es ist die Notwendigkeit der Liebe, die nicht von oben herab begleitet, sondern mittendrin ist, die nicht im Überflug, nicht aus der Distanz das Gute wünscht und tut, die dabei ist. Dieser Tage in Kiew und im Donbass. Der Gott, der liebt, will seinen Menschen unmittelbar nah sein. Das muss so sein, dat mutt!
 
Mag sein, Jesus war von Petrus „menschlich enttäuscht“, weil der nicht verstand, wie weit, hoch, tief und voraus die göttliche Liebe geht. Wie auch immer: Am Ende umarmt sie den Petrus auch, und jede und jeden, dich und mich. So wird aus Gottes „dat mutt“ unser menschliches: „Dann ist ganz viel möglich“: Zukunft, Hoffnung, Frieden. Auch gegen den Augenschein, glaube ich.