Ernüchterung oder Stärkung?

Daniel Meier
Ein Vater hat zwei Söhne. Beide wurden im Glauben an den einen Gott der Vorfahren erzogen, der Himmel und Erde geschaffen hat, dessen Sohn die Liebe Gottes in dieser Welt verkörperte und dessen Geist die Menschen bewegt, versöhnt und Frieden unter den Menschen stiftet. Der Vater teilt diesen Glauben, lebte ihn und dankt Gott. Und er gibt ihn, zusammen mit seiner Frau, an die beiden Söhne weiter, wie es auch seine Vorfahren viele Jahrhunderte lang von Generation zu Generation praktiziert hatten. Die Söhne gehen dann unterschiedliche Wege: Der eine findet wie sein Vater eine Heimat in der Kirche, der andere beschäftigt sich sogar im Studium mit der Religion, nicht nur mit jener des Vaters, auch mit anderen Religionen dieser Welt, er engagiert sich in besonderem Maße für die Natur, wie es auch seinem Vater ein Herzensanliegen ist, die Bewahrung der Schöpfung, wie dieser sagt. In der Kirche bleibt der andere Sohn jedoch nicht, sie bedeutet ihm persönlich nichts mehr, auch wenn er über seinen Vater sehr gut weiß, was sie alles Gutes in der Welt wirkt oder zumindest wirken kann.
Den Kern dieser Geschichte hat der Vater im vergangenen Herbst in Bad Herrenalb erzählt, im Kurhaus auf der Tagung der Landessynode. Ein prominenter Vater, Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Er sprach vor den Landessynodalen anlässlich des 200.Geburtstages der badischen Landeskirche. Und wie das bei solchen Veranstaltungen oft der Fall ist, neben der guten Rede waren besonders die Antworten im anschließenden Gespräch interessant. Da wurde er dann gefragt, was denn die Kirche ganz konkret tun könne, damit weniger Menschen sie verließen. Spontane Reaktion: „Das müssen Sie mir doch sagen können!“ Dafür erzählte er dann von seinen beiden Söhnen.
Kurze Anmerkung: Bei der Recherche im Internet erfuhr ich, dass die Kretschmanns auch eine Tochter haben. Der Vater erwähnte sie aber nicht, vermutlich, um den Gegensatz der beiden Söhne stärker hervorzuheben.
Mich hat es berührt, was Ministerpräsident Kretschmann so ganz persönlich berichtete. Er sagte das ganz ohne Groll: beide seien in gleicher Weise religiös und kirchlich erzogen worden. Aber dann habe sich eben einer von beiden von der Kirche abgewandt. Das habe man schließlich nicht in der Hand.
Sein Bericht hat mir gutgetan: persönlich, weil ich selbst einen Sohn habe, der bewusst Ethik statt Religion in der Schule wählte, der kritisch fragt, wo denn „dein Gott grade ist in der Ukraine, Papa?“ und der beim gemeinsamen Tischgebet die Hände nicht faltet, es aber respektiert, wenn seine Schwestern und ich es tun.
Und es hat mir beruflich gutgetan, diese nüchterne Einschätzung der Kirchenverbundenheit des Nachwuchses. Weil ich mich und uns im Evangelischen Oberkirchenrat und in der badischen Landeskirche bisweilen so enttäuscht sehe: da bemühen wir uns an allen Ecken und Enden um eine gute Arbeit, machen wunderbare neue Angebote, entwickeln traditionelle Formen weiter und berichten davon. In der traditionellen Öffentlichkeit der Zeitungen unserer Kirchenbezirke und im SWR werden wir vergleichsweise intensiv und in aller Regel wohlwollend wahrgenommen. Ich weiß, im Spiegel oder bei Anne Will sieht das leider oft anders aus, aber ich rede von den Medien hier in Baden, die doch eine große Verbundenheit zur Kirche zeigen. Empirische Untersuchungen belegen das.
Studien belegen auch etwas anderes. Diese Woche erscheint eine großangelegte Untersuchung der EKD zu den Gründen für einen Kirchenaustritt, sowohl aus der evangelischen wie katholischen Kirche. Hinsichtlich der katholischen Kirche ist das Ergebnis wenig überraschend. Es sind in der Tat sehr oft – wenngleich nicht nur - die Berichte über Missbrauchsfälle und deren schleppende Aufarbeitung.
Evangelisch sieht das anders aus: Es sind kaum aktuelle Themen wie Missbrauch, die kirchliche Position zum Impfen oder der kirchliche Einsatz für Flüchtlinge, hier oder im Mittelmeer. Und es ist nur in seltenen Fällen das Nichtwissen über kirchliches Tun oder kirchliche Finanzen. Und auch nicht wegen der Kirchensteuer treten Protestanten aus. Gezielt gefragt bejahten nur 5 Prozent die Frage, ob sie denn ohne Steuer in der Kirche geblieben wären. Nein, es ist schlicht die fehlende Relevanz von Glaube und Kirche, eine persönlich nicht erlebte Bedeutung, eine gewachsene Entfremdung, wie es auch der Ministerpräsident bei seinem Sohn erlebte. Gut, der war katholisch, aber der Vater ist ja sehr ökumenisch eingestellt.
So ernüchternd die Ergebnisse auch sind, besonders in Verbindung mit den Austrittszahlen wie sie bundesweit in dieser Woche für das Jahr 2021 mitgeteilt werden. Wie der Bericht von Winfried Kretschmann kann die Studie auch eine Stärkung sein, so paradox es klingt. Dahingehend, dass die Frage über Mitgliedschaft oder Nichtmitgliedschaft nicht allein in unserer Hand liegt - und die über Glauben und Nichtglauben mit all seinen Schattierungen erst recht.
Oft begegnen mir Menschen, die sagen: Wir müssten endlich mal dieses oder jenes machen, diese Gottesdienste weniger, diese mehr, persönlicher vom Glauben erzählen oder mehr darüber nachdenken oder beides. Oder im Medienbereich: „Erzählen Sie doch endlich mal, was Kirche Gutes tut, dann werden die Menschen in der Kirche bleiben.“ Ich will alle diese Bemühungen nicht in Abrede stellen, all das ist notwendig, nur: das Ergebnis ist nicht planbar wie eine Werbekampagne zum Eintritt in den ADAC.
Und was für die Kirche gilt, gilt erst recht für den Glauben. Es ist doch nicht immer plausibel von einem gütigen oder gerechten Gott zu reden. Und was helfen manchmal theologische Behauptungen, z.B. ‚dass der Tod nicht das letzte Wort habe, weil Jesus in die Welt gekommen ist‘, der Mitarbeiterin im EOK, deren Mann aus der Kirche ausgetreten ist, weil für ihn als Naturwissenschaftler mit dem Tod eben alles aus ist? „Es bringt doch nichts, wenn ich ihn überzeugen will. Mir ist es ein großer Trost, im Tod zu Gott zurückkehren zu dürfen, aber anderen gegenüber kann ich das nicht behaupten“. Ja, der Glaube ist doch auch ein Ärgernis, wie es in der Bibel an vielen Stellen heißt. Plausibel ist er wirklich oft nicht.
Ich finde es dann tröstend, dass die Momente des Glaubens wie des Zweifelns zutiefst geschenkte Momente sind. Und so wie ich auf die Frage, warum Gott das Leid in der Ukraine zulässt, keine Antwort finde – so finde ich keine Erklärung dafür, warum Gott manchen Menschen Momente des Glaubens im Sterben und Leben schenkt und anderen nicht.
Dem anfänglichen Bericht über die ungleichen Söhne möchte ich das Gleichnis vom Sämann zur Seite stellen, dessen Saat je nach Beschaffenheit des Bodens aufgeht oder eben nicht aufgeht. Nicht in dem Sinne, dass wir Kirchenmitglieder ausschließlich der gute Boden sind, auf dem die Saat Gottes aufgeht und Früchte trägt – und die an Gott und der Kirche Zweifelnden für die steinige Erde auf dem Weg und unter den Dornen stehen. Aber als Geschichte darüber, dass wir selbst es gar nicht wissen, welche Erde wir grade beackern und wo und wann Gott seinen Samen aufgehen lässt.
Ein Kollege erzählte mir von seinem Sohn, der mit Kirche nicht viel anfangen konnte. Bei der Beerdigung der Großmutter wurde „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen; jenes Lied, welches die Oma einst gemeinsam mit dem Enkel gesungen hatte. „Wollst endlich sonder Grämen aus dieser Welt uns nehmen“ – das Kind hatte diese Strophe nie verstanden. Doch jetzt sang er mit und sagte anschließend dem Vater auf dem Weg zum Grab: „Papa, das war gut.“ Die Großmutter hatte da etwas angelegt, es schien lange verdorrt zu sein, aber plötzlich wirkte die Saat.