Friede will gelernt sein

Babyrassel aus Holz

ein Impuls von Viktoria Dinkelaker

Wenn ein Kind geboren wird, ist das vor allem ein Wunder. Für alle frischgebackenen Eltern ist es eine neue Welt, die man sich erst langsam erschließt. Tag für Tag etwas ganz Neues, Unerwartetes. Überraschungen sind an der Tagesordnung.
Eine Sache hat mich bei meiner kleinen Tochter (gerade 10 Wochen alt) besonders fasziniert: Sie kennt noch keine Routinen.
 
Da ist der Schlafrhythmus – das Thema schlechthin bei kleinen Kindern. Er ist nicht nur deswegen beanspruchend, weil die Kleine nachts regelmäßig aufwacht, sondern vor allem deswegen, weil sie es gerade nicht regelmäßig tut, sondern noch völlig willkürlich.
Ebenso willkürlich sind zunächst die Essenszeiten.
Jeder feststehende Punkt, den man in den Tagesablauf integriert, muss erst gelernt und eingeübt werden. Ob das der regelmäßige Spaziergang in der Sonne ist, die erste feste Nahrung oder Spielen: kaum etwas wird beim ersten Mal schon wie von selbst funktionieren, alles muss zunächst vertraut werden, bevor es auch seinen Platz finden und genossen werden kann.
 
Was mich das lehrt?
So wie ein Mensch, wenn er auf die Welt kommt, erst einmal alles von Grund auf lernen muss, bevor es ihm schmackhaft gemacht werden kann, so ist auch der Glaube Übungssache. Die regelmäßige Beschäftigung mit meiner Beziehung zu Gott und zu meinen Mitmenschen – zum Beispiel in Gottesdienst, Gebet, Gesprächen - ist kein Luxus, den ich mir einräume, sondern Zeit, die ich brauche, um die „Glaubensmuskeln“ zu trainieren oder - wenn man ehrlich ist - nach Rückschlägen oder nachlässigeren Zeiten überhaupt erst (wieder) aufzubauen.
 
Ich bin überzeugt: so wie der Glaube, ist auch Frieden Übungssache. Er ist nicht einfach da, auch wenn wir in Europa – besonders meine Generation – das Glück haben, dass Frieden uns die meiste Zeit als eine Selbstverständlichkeit erscheinen konnte. Doch das ist er nicht, wie wir im Moment schmerzlich erfahren und wie uns die schrecklichen Bilder von Bombardierungen, Toten und Verletzten, zerrissenen Familien und Müttern mit Kindern auf der Flucht zeigen. Es macht Angst und Sorge, was die Welt gerade für die Kleinsten und Schutzlosesten, für die Ärmsten und Schwächsten bereithält. Wie kann da Gott durch Jesus Christus sprechen: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16, 33)?
 
Ich denke, die Antwort ist die Liebe. Denn die muss nicht geübt werden, sie ist tatsächlich immer da. Oder wie es in einem Lied heißt: „Liebe will nicht, Liebe kämpft nicht, Liebe wird nicht – Liebe ist.“ Sie ist der Weg, auf dem ich versuche, Frieden zu üben, und sie ist meine Waffe gegen die Furcht. Mithilfe der Liebe ist nach christlichem Glauben die Überwindung der Welt geschehen. Noch ein berühmter johanneischer Satz, den ich dem ersten hinzufügen möchte: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1. Johannes 4, 16). Das macht mir Mut, auch in diesen Zeiten an der Liebe festzuhalten. Denn es zeigt mir: Die Liebe ist mächtiger als der Tod. Mächtiger als Krieg. Und auch da, wo meine Liebe zu Ende ist, wo ich aufhöre, in der Liebe Frieden und Gerechtigkeit zu suchen und zu erhoffen, da ist es nicht zu Ende. Da liebt Gott für mich.
 
Noch ist Unfriede. Noch herrscht Dunkelheit. Doch Gott verspricht: Das Licht wird kommen. Das Leid, das ihr ertragt, ist bei mir schon überwunden. Überwunden wird es in der Liebe, die durch Gottes Geist, so hoffe ich, in uns wirken kann. Gottes Liebe, die der Weg zum Frieden ist, erscheint an Ostern in seinem Sohn. Darauf warten wir in der Passionszeit. Lassen Sie uns diese Zeit zum Üben verwenden. Und Gott darum bitten, dass er uns hilft, nach seiner Liebe zu handeln.
 
 
Viktoria Dinkelaker, Theologiestudentin