Überkreuz

Jochen Kunath

abgebrochener Baum in Form eines Kreuzes
Als Kind haben Sie vielleicht auch das Spiel gespielt, in Wolken am Himmel mehr zu sehen. In manchen Wolken Gesichter, in anderen einen bestimmten Gegenstand. Dass wir in den Himmel schauen und beginnen über das Vorhandene hinaus uns etwas vorzustellen und mitunter ins Träumen zu kommen, haben uns die Zeit und die Jahre ausgetrieben. Es bleibt aber Aufgabe des Lebens, im Gewöhnlichen mehr zu sehen, mehr und anderes zu entdecken. In den Falten die schönen Jahre, im Angesicht den Geliebten, in Vorgängen Hinweise, im Dunkeln ein Tunnel mit Licht am Ende, oder eben in Baumstämmen ein Kreuz.
 
Dieses Foto stammt aus dem März 2000. Gut ein Vierteljahr zuvor hat der Sturm Lothar große Waldflächen abrasiert und Bäume entwurzelt oder wie Strohhalme abgeknickt. Diesen Baum hat der Sturm auch abgeknickt, abgebrochen, so ziemlich in der Mitte. 
 
In der Mitte abgebrochen. Dieser Satz wird zur bitteren Metapher für das Leben. Mitten im Leben abgebrochen, in der Mitte durchgebrochen. Das werden Menschen. 
Wir denken vielleicht in diesen Tagen besonders an die Menschen in der Ukraine. Aber jeder hat da bestimmte Menschen im Blick, vielleicht auch sich selbst. Mitten im Leben abgebrochen worden - ein Plan, ein Vorhaben, die Normalität, eine Beziehung. Vielleicht plötzlich wie beim Baum im Bild, oder allmählich, was vielleicht noch schlimmer ist, über Jahre hinweg, bis sich Leben bricht, verkantet, ein Teil von ihm daniederliegt, Splitter zu sehen sind, frisch Gebrochenes, dass man das Leben lebendig noch riechen kann, Abgestorbenes, zum Himmel Schreiendes.
 
Das Foto hat für mich eine persönliche Note. Ich sehe meinen Lehrpfarrer durch den Wald bei Baden-Baden gehen, seine wachen theologischen Augen, seinen feinen Sinn für Mensch und Dinge und sehe ihn auf einer seiner Waldgänge dieses Foto machen. Natürlich möchte man sagen, hat er noch mehr darin erblickt. Tun wir auch. Auch wir sehen im gebrochenen Baum ein Kreuz. 
 
Kreuze säumen unser Leben. Die allermeisten Kreuze machen wir, stellen wir her. Ob als Schmuckstücke um den Hals, ob als Kunstwerke in den Kirchen, ob klein oder groß, ob fast säkular oder hochheilig: Sie sind gemacht, Artefakte von Menschen. So wie das erste Kreuz, möchte man sagen, zumindest das bekannteste und wohl für viele bedeutendste, das von Jesus. Auch sein Kreuz ist von Menschen gemacht. Zwei unterschiedliche lange Balken, die zunächst er getragen hat. Dann haben sie ihn getragen. 
 
Und wir kennen auch die anderen Kreuze, die sich manchmal wie von selbst ergeben, nicht von uns gemacht, sondern wie von wo anders her: Kreuze durch ein Lichtspiel, Kreuze, weil sich zufällig etwas in unserem Blick kreuzt, Momentaufnahmen, in denen sich Gekreuzigtes ergibt und zu uns spricht. Manchmal sind das unverhoffte Hinweise. 
Dieses Kreuz auf dem Foto hat die Natur gemacht, der Sturm, die ungeheure Kraft des Sturms. Das ist fast unheimlich. Der Sturm bricht den Baum zum Kreuz, mitten im Leben und kommt dem Jesus am Kreuz sehr nahe: Da wird einer mit aller Gewalt zerbrochen mitten im Leben. Er wird gebeugt bis zur bittersten Neige, bis er abbricht und zum Kreuz wird, zum Zeichen, zum Symbol.
 
Dieser Jesus blieb in den Stürmen des Lebens, der Anfeindungen, der  Infragestellungen, der Schmährufe, des zweifelhaften Jubels standhaft, fest, so dass er nur in der Mitte des Orkans gebrochen werden konnte. Er blieb es aber dennoch, einer, der niemals die Liebe vergaß, der sich bis zum Äußersten verbog, um dieser Liebe Raum zu geben, und sei es, dass er die andere Wange hinhielt, der sich selbst hingab, zum Sterben ging, ihm, dem gebrochene Menschen die Liebsten waren, der an den Rand ging, der von Gott wunderbar träumte, von seinem Reich der aus dem Staub Erhobenen, dem eine ohnmächtige Liebe stärker schien als alles andere, der Gott auf Biegen und Brechen den Menschen liebevoll und zärtlich brachte und bringt. 
 
Es mag purer Zufall sein oder hohes geduldiges fotographisches Geschick, dass im Hintergrund die Sonne sich auf das Foto hineinbewegt, abbildet. Es bleibt bei jedem, was er sieht, und ob er mehr sieht. Das ist wie beim kindlichen Blick in den Himmel und seine Wolken. Das Licht im Foto bricht der Liebe Bahn mitten hinter dem Kreuz.
 
  

Pfarrer Dr. Jochen Kunath

Leitung Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt / Studienleiter Arbeitswelt und Wirtschaft Evangelischen Akademie