Ach, wie beruhigend! Da hab‘ ich nochmal Glück gehabt! Ich war im Ballett … also nein: Ich hab‘ nicht selber getanzt, das waren andere, so schmale drahtige Gestalten, zu denen ich nicht gehöre und nie gehört habe. Um so schöner, sie zu sehen, die atemberaubenden Bewegungen in atemberaubender (scheinbarer) Leichtigkeit. Das war freilich gar nicht so leicht: sie zu sehen, meine ich. Denn ich hatte (trotz eines Platzes mit durchaus beachtlichem Preis) eine Säule rechts neben mir, die mir ungefähr ein Viertel der Bühne verdeckt hat, so dass ich immer etwas nach links geneigt dasaß – der Mensch will ja schließlich auf seine vollen Kosten kommen. In der Pause sprach ich dann meine Nachbarin an, ob sie das allzu arg störe, dann hätte ich mich halt in die rechte Ecke verkrümelt (Balkon Mitte) und mit einem Dreiviertel-Ballett Vorlieb genommen. Sie, ganz freundlich: “Ach nein, Sie sind kein Problem!“.
Hey, was für ein Satz, den ich doch nicht ungern höre. Kein Problem: ich! Sehr beruhigend, wirklich. Für einen Moment jedenfalls. Dieser Abend – im Nationaltheater in München – war gerettet. Aber der Rest vom Leben? Wie oft bin ich mir nicht schon zum Problem geworden. Mit meiner Ungeduld, die mich durchaus ungut vorantreibt manchmal. Mit meiner Begriffsstutzigkeit, die mich selber nervt. Mit meinem voranschreitenden Alter und den Unzulänglichkeiten von Körper und Geist, die zu verleugnen nichts hilft. Doch, ich bin ein Problem, mir selbst immer wieder, und meinen Zeitgenossinnen und -genossen und meinen Lieben leider auch.
Und wenn ich ab und zu mal keines bin (wie in der bajuwarischen Hochkulturszene vor ein paar Tagen), dann hab‘ ich immer noch welche: Probleme mit einem Krieg mitten in Europa, mit unbedachten Rechts-Grandlern, mit Missbrauch in der Kirche, mit zukunftsängstlichen Halbheiten in Kirche und Gesellschaft, mit Viel-Schwätzern und Wenig-Hörern überall. Kein Problem? Nee, nee: Tausende!
Hat Gott eigentlich auch Probleme? Ich bin mir da nicht so sicher, weil ich nichts davon höre, dass er sich über Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen ärgert, dass er Kriegstreiber zur Rede stellt und denen das Handwerk legt, denen der Klimawandel völlig schnuppe ist. Klar, dass er, was immer sich gegen die Schöpfung und die Menschen richtet, problematisiert, lässt sich denken, wenn ich mich der biblischen Weisungen erinnere – aber so ganz aktuell ist er doch eher still und überlässt er uns unseren Problemen. Oder? Vielleicht sehe ich ja auch nur – wie beim Münchner Tanztheater – einen Teil der Bühne und verstehe den Rest einfach nicht. Kunstvolle Inszenierungen und Choreographien durchschaue ich ja nie so ganz, die göttlichen schon gar nicht.
Doch, ich bin überzeugt: Gott hat Probleme – wenn ich das Wort im ursprünglichen Sinn lese, als (griechisch): Aufgabe. Er macht sich uns, die Schöpfung, die gefährdete, friedlose Welt zur Aufgabe, er lässt sich angelegen sein, was unsere Verlegenheiten sind. Und er tut das in besonderer Weise: nicht mit Machtwort und in Problemlöser-Manier, nicht als Macher und mit Muskelspiel. Er macht sich uns und die Welt zur Aufgabe, indem er sich aufgibt und sich hineinbegibt in unsere Probleme. Gott hat alle Probleme, die uns einfallen mögen, und er hat vor allem, vor allen Problemen: Liebe. Darum ist er da und dabei – so problembewusst wie unproblematisch.
Den Ballettabend habe ich genossen, das Kompliment meiner Theaternachbarin hat mich erwärmt, die Liebe Gottes ist es, die mich noch immer hoffen lässt. Und wenn ich ihm eines Tages danke, dass er sich unserer Probleme angenommen und sie zu seinen gemacht hat, dann sagt er (Ich hör es schon): Ach, kein Problem!
