Wer zähmt unsere Angst?

Gregor Bergdolt
Es kommt der Augenblick, da wird die Angst vergehen. „Vater, die Stunde ist jetzt da“, sagt Jesus in seinem Abschiedsgebet (Johannes 17, 1-8). Souverän. Klar. Entschieden. Freiheit, zu leben. Freiheit, den Tod anzunehmen. Auftrag und Ziel, Ende und Rückkehr. Unser Leben kommt aus Gottes Hand, es geschieht in Gottes Hand und es führt in seine Hand zurück.
Manchmal fand ich mich in solchen Gesprächen wieder mit Patientinnen und Patienten, die mich und sich selbst fragen: Soll ich noch eine weitere Chemotherapie machen? Soll ich mich dieser schwierigen Operation noch unterziehen? Oder ist es gut so und ich schlage das Angebot der Ärzte aus? Wem gehört dieser Leib? Der Familie, der ich verpflichtet bin, zu der ich gehöre, der Gesellschaft, Gott, mir selbst?
Jesus betet. „Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche deinen Sohn, dass er dich verherrliche“. Eine große Klarheit ist in diesen Worten. Jesus ist bereit, mit Gott ins Dunkel zu gehen. Unmittelbar danach werden Soldaten ihn gefangen nehmen und dann hinrichten.
Warum ging er nach Jerusalem? Es war doch klar: er würde hier Feindschaft finden, Mächtige, die ihn töten. Warum blieb er nicht in Galiläa, lehrte und heilte und lebte dort weiter bis zu dem Tag, da sein Leben auf natürliche Weise endete? Wir hängen an unserem Leben ... warum dieses tödliche Risiko?
Es kommt der Augenblick, da muss die Angst weichen. Da füge ich mich in mein Sterben. Die persönlichen und die gesellschaftlichen Fragen stellen sich ein. Darf ich auf das Menschenmögliche verzichten, darf ich der Kunst der Ärztinnen Grenzen setzen? Dürfen wir Gott ins ‚Handwerk‘ greifen, aus dem mein Leben kommt, in den mein Leben mündet? Wann widerstehen und wann mich ergeben?Andererseits: ein Leben in bleibender Abhängigkeit von medizinischen Möglichkeiten, was macht das mit mir und aus mir? Was wird aus dem, der ich war und noch bin?
Die Entscheidung, sein Leben Gott zurückzugeben, kann der Ausdruck dieses Willens sein: Die Stunde ist jetzt da. Loszulassen, einzuwilligen in meine Sterblichkeit, nicht leben zu müssen um jeden Preis.„Vater, die Stunde ist gekommen.“ Es gibt eine Freiheit, zu leben, und es gibt eine Freiheit zu sterben, zu lassen, zu verzichten: es ist eine Freiheit aus Gott. Der Weg zum Kreuz ist bei Johannes für Jesus ein Weg zum Sterben in Übereinstimmung mit Gott. Jetzt in der Abschiedsstunde kann Jesus die Frucht dieses gelebten, in Liebe gegangenen Weges einbringen.
Das ihm aufgetragene Werk ist getan. Er hat Gott den Menschen gezeigt. Er hat bei den Seinen Glauben und Anerkennung gefunden. Sie haben ihn ‚erkannt‘, seine Wahrheit. Und in der Gabe des Geistes werden sie dies bewahren. Das gibt es: Gewissheit, ins Gebet gefasste Gewissheit auf dem sehenden Weg ins Dunkle.
Ich vertraue darauf, ich möchte es glauben: manche Menschen in Mariupol spüren etwas von dieser Gewissheit: wir sind auch jetzt geborgen in Gottes Hand im Leben und im Sterben. Es kann sein, dass ich sterbe. Und ich gehe zu Gott.Und wir können für diese geängstigten, bedrängten Menschen, denen die Flucht verstellt ist, um diesen Glauben bitten und für alle, die sich nach Kräften bemühen, einen humanen Ausweg zu schaffen.
Jesus wird sterben. Und die, die bleiben? Die weiterleben mussten und wollten ... die zurück gelassenen Jünger? Wie zeigt sich der Meister für sie in Zukunft? Für den, der geht, ist das Weggehen manchmal leichter. Doch die anderen, die müssen mit seinem Tod leben.
Es ist schwer, die eigenen Grenzen anzunehmen. Es ist so schwer, zu akzeptieren, dass ein anderer Mensch sein Leben zurückgibt, dass er so frei ist, es zurückzugeben. Der ‚letzte Wille‘ als Verzicht auf das irdische Leben, um die Person zu bleiben, die ich bin, das eigene Leben vertrauensvoll in Gottes Hände zurückgeben.
Alle Überzeugungen unserer erlebnishungrigen Gesellschaft stehen dagegen: Du hast nur dieses Leben. Und danach ist alles aus. Darum genieße jeden Augenblick und solange es irgend geht. Deswegen greife zu bei jeder Möglichkeit, dein Leben zu verlängern. Es ist ja so gefährdet, zerbrechlich. Oder wirf es weg, wenn es nur noch aus Leid besteht. So als ob Leiden in jedem Fall den Sinn des Lebens zerstört. Wenn aber dieses Leben nicht das höchste Gut ist, um das wir bis zum letzten Atemzug kämpfen ... was bleibt dann?
Freiheit zu leben - Freiheit zu sterben. Jesus war von Anfang an zu dieser doppelten Freiheit bestimmt: das Leben in Liebe zu Gott und den Menschen zu leben, das Leben in Liebe zu Gott und in Hingabe für die Menschen zurückzugeben.
Irgendwann ist die Angst vorbei, die Lebensangst und die Todesangst. Und wenn die Angst vergeht, ist Raum für die Wahrheit, für Erkenntnis und Klarheit, der Raum des ‚ewigen Lebens‘. Lasst uns eintreten in diesen Raum - hier wird die Angst um den Leib, um mein Leben eingegrenzt, hier ist Freiheit, in der mein Wille mit Gottes Willen übereinkommt, und wenn es der ‚letzte Wille‘ ist.
Wem gehört dieser Leib? Der Gesellschaft? Der Familie? Gott? Mir allein? Ich bin nicht mein eigenes Geschöpf. Ich bin gewollt von Gott, ins Leben gerufen durch ihn. Ich gehöre nicht mir, mein Leben gehört nicht mir. Es ist geborgt, geschenkt von Gott. Seine liebende Macht bewahrt es dort, wo es unsere Kraft übersteigt. Wir kehren zurück in die Hände unseres Gottes; aus ihm sind wir gekommen. Darin liegen die Wahrheit und der Trost unseres Lebens.