Mit eigenen Augen

Kreuz mit Nagel

Heike Springhart

Die ganze Welt sieht es mit eigenen Augen. 
Unerträgliche Kriegsgewalt. Die Traurigkeit in den Augen der Geflüchteten. Die Stille über dem Mittelmeer. Die Trümmerwüsten in der Ukraine. Gefolterte und Tote. Die Welt hält den Atem an. Unerträgliches Leid.
 
Die Welt hat es mit eigenen Augen gesehen. 
Den gefolterten Körper, das entstellte Gesicht, den mit einer Dornenkrone lächerlich Gemachten. Den gefolterten Gottessohn. Entblößt und beschämt, voll Striemen und Wunden hängt er am Kreuz. „Es ist vollbracht.“ Die letzten Worte des gekreuzigten Gottes lassen die Welt stillstehen. 
 
Ich sehe die Wunden mit meinen Augen – und kann es kaum ertragen. 
Die ganze Welt sieht die Kriegsbilder mit den eigenen Augen – und kann es kaum ertragen.
 
Gott macht sich das unerträgliche Leid zu eigen, nimmt es sich zu Herzen und lässt es sich auf den Leib rücken. Am Kreuz sehe ich den verwundbaren Gott. Sein Leiden spiegelt sich in menschlichen Schicksalen. 
In den entstellten Gesichtern der Frauen, die mit Säure von ihren Partnern angegriffen werden. An den nicht heilen wollenden Beinen der Menschen, die auf der Straße leben. In den immer wieder aufplatzenden Wunden auf der Seele der Missbrauchten. In den Menschen, die an Beatmungsgeräten auf den Intensivstationen um ihr Leben ringen. 
 
Der Knecht Gottes, ja Gott selbst sieht das Leiden jedes Einzelnen. Der Prophet Jesaja singt ein Lied von diesem Gottesknecht (Jesaja 52,13 - 53,12). 
Dieser Gottesknecht „war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er trug unsere Krankheit und lud unsere Schmerzen auf sich.“ Die Krankheit und Schmerzen dieses Dieners Gottes führen dazu, dass Menschen ihn verachten, dass sie ihren Blick vor ihm verbergen, sich abwenden. 
Als ob die Krankheit ein Makel wäre. Als ob man sich für sie und ihre tödliche Macht schämen müsste. Ich lese die seitenweisen Todesanzeigen der letzten zwei Jahre. Nie ist von Corona zu lesen –  und erschrecke über so viel Angst vor Verachtung und Scham über diese Krankheit.
 
Aber es gibt auch die Frauen, die dageblieben sind. Die ihre Augen nicht vom leidenden Jesus abgewendet haben. Die so ganz anders hingesehen haben.
Sie sehen hin und lassen sich berühren vom Leiden des Gottessohnes. Sie bleiben bis er seinen Atem aushaucht. Sie bleiben und halten das Unerträgliche aus. Die Wunden und den Schmerz. Den Durst und die Atemnot. Die Ausweglosigkeit und Gottverlassenheit. 
Sie hatten eine Ahnung davon, dass dieser verwundbare Christus auch ihre Wunden heilt. 
 
Ich habe eine Ahnung davon, dass Gott selbst meine Krankheit trägt und meine Schmerzen auf sich lädt. Eine Ahnung davon, dass der Friede nicht totzukriegen ist. Trotz allem.
Später wird eine Bewegung der Hoffnung wachsen – eine Bewegung, die davon getragen ist, dass wirklich jedes Leben zählt vor Gott.