Das Zeichen der Auferstehung

Zweig mit weißen Kirschblüten

Matthias Kreplin

Eine Geschichte aus der Bibel: Der Evangelist Lukas erzählt im 24. Kapitel seines Evangeliums davon, dass drei Frauen zum Grab Jesu ziehen, um den Leichnam Jesu zu salben, das Grab aber leer gewesen sei. Sie kommen zurück zu den verängstigten Jüngern und erzählen diesen von der Erscheinung zweier Männer in weißen Kleidern, die ihnen verkündigt hätten, Jesus sei auferstanden. Weiter heißt es bei Lukas: „Und es erschienen den Jüngern diese Worte, als wär's Geschwätz, und sie glaubten ihnen nicht. Petrus aber stand auf und lief zum Grab und bückte sich hinein und sah nur die Leinentücher und ging davon und wunderte sich über das, was geschehen war.“ (Lukas 24,1-12)
 
Eine Geschichte aus unserer Zeit: Bei einer Bahnfahrt saß ich neben einem jungen Mann, der sehr bedrückt wirkte. Nervös rutschte er auf seinem Sitz hin und her, und nach einiger Zeit platzte es aus ihm heraus: Dass er heute aus dem Gefängnis entlassen worden und jetzt auf der Fahrt nach Hause sei. Seine Eltern seien damals bei der Verurteilung tief getroffen gewesen, sie hätten es nicht fassen können: ihr eigener Sohn! Im Gefängnis hätten sie ihn nie besucht, nur manchmal einen Weihnachtsgruß geschickt. Trotzdem, trotz allem, hoffe er nun, dass sie ihm verziehen hätten. Er habe ihnen geschrieben und sie gebeten, sie mögen ihm ein Zeichen geben, an dem er, wenn der Zug am elterlichen Haus, das ganz allein stand und in der Nähe der Gleise lag, vorbeifahren würde, er sofort erkennen könne, wie sie zu ihm stünden. Hätten sie ihm verziehen, so sollten sie aus dem Fenster seines Zimmers im ersten Stock ein weißes Leintuch heraushängen. Wenn sie ihn aber nicht wiedersehen wollten, bräuchten sie gar nichts zu tun. Dann werde er weiterfahren, weit weg.
Als der Zug sich seiner Heimatstadt und seinem Elternhaus näherte, hielt er es nicht mehr aus, brachte es nicht über sich, aus dem Fenster zu schauen. Ich tauschte den Platz mit ihm und versprach, auf ein Haus zu achten, an dem ein weißes Leintuch hing. Und dann sah ich es auf einmal: Am ganzen Haus hing aus jedem Fenster ein weißes Leintuch, an den Bäumen und Büschen um das Haus herum hingen weiße Bänder, überall weiße Tücher. „Da ist es“, flüsterte ich, „alles in Ordnung!“. Er sah hinaus, Tränen standen in seinen Augen.
Mir war, als hätte ich ein Wunder miterlebt. Und vielleicht war’s auch eins. (aus: Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten; Hamburg, 2008, S.34 - Geschichte leicht überarbeitet)
 
Der junge Mann, voll Sorge und Hoffnung unterwegs - auf dem Weg nach Hause oder auf dem Weg nach nirgendwo? - irgendwie ein Bild auch für unser Leben, für unsere Welt. Auch wir sind unterwegs und wissen oft nicht so recht, wohin der Weg geht. Irgendwie haben wir das selbstver­ständ­liche und unbeschwerte Glück verloren, wenn überhaupt liegt es hinter uns. Was wird aus uns, was wird aus dieser Welt werden? Ob wir es so nennen oder nicht: Wir haben eine Sehnsucht nach dem Himmel in uns, eine Sehnsucht danach, dass einmal alles Leidvolle, alles Schwere und Mühsame, alle Trauer und alle Schmerzen hinter uns liegen, dass endlich Frieden einziehe. Wir haben eine Sehnsucht nach Auferstehung in uns. Aber gehen wir auf den Himmel zu? Ist das unsere Bestimmung? Oder verläuft sich unser Leben irgendwann im Nirgendwo? Oder bleiben wir gar endlos gefangen in dem, was uns das Leben schwer macht? Wohin sind wir unterwegs?
 
Auch wir sehnen uns nach einem Zeichen. Einem Zeichen, das uns vergewissert: Die Tür nach Hause steht offen, die Tür zum Himmel steht offen. Auch wir würden gerne an einem solchen Haus vorbeifahren und sehen: Alles ist mit weißen Tüchern behängt, überall weiße Bänder. Wir müssten noch gar nicht gleich zu Hause sein, der Weg unseres Lebens könnte dann auch noch weitergehen, aber wir wüssten: Am Ende erwartet uns die offene Tür, am Ende kommen wir nach Hause, der Himmel steht uns offen.
 
Am Ostertag sind solche weißen Tücher zu sehen. Die Männer, von denen Lukas erzählt, sind darin eingehüllt – sind es Engel? Dort im Grab, wo sie Jesus suchten, dort liegen solche weißen Tücher. Sie liegen dort und sagen: Jesus ist auferstanden, Jesus ist nicht mehr bei den Toten. Sie liegen dort und sagen: Der Tod kann uns nicht mehr die Tür zum Himmel versperren, der Tod kann uns nicht mehr auf ewig vom Leben trennen, uns erwarten offene Arme, wir sind herzlich willkommen. Unser Weg wird nicht im Nirgendwo landen, wir dürfen nach Hause kommen. Und die Welt wird zum Frieden finden. Denn der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!
 
Und noch etwas: Wenn Sie in diesen Tagen spazieren gehen und die weiß blühenden Obstbäume sehen, dann denken Sie an die Geschichte mit den Tüchern und machen sich bewusst: Die Natur breitet nun ihre weißen Tücher aus, um uns zu erinnern…
 
  

Dr. Matthias Kreplin

Oberkirchenrat / Leiter des Referats 1 "Verkündigung in Gemeinde und Gesellschaft"