Ängste sind ganz normal

Seelsorge & Beratung & Diakonie
Wie unsere Ängste und Sorgen sich auf unser Leben auswirken, das erläutert Dr. Annette Haußmann im Interview. Sie ist Professorin für Praktische Theologie mit dem Schwerpunkt Seelsorgetheorie an der Universität Heidelberg. Die Psychologin und Theologin ist auch Wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Seelsorge der Evangelischen Landeskirche in Baden.
Wovor haben Sie gerade Angst?
Annette Haußmann: Es rollt eine Welle psychischer Krisen auf uns zu. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind höchst alarmiert. Sie arbeiten mit Hochdruck daran, die Grundversorgung der Menschen zu sichern, die schon vor der Krise Probleme hatten und jetzt durch Kontakteinschränkungen und „social distancing“ besonders herausgefordert werden. Sie brauchen kompetente Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in Krisen, Bestärkung und das Gefühl von Eingebundensein gegen die Gefühle von Einsamkeit, Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit. Es stärkt gerade zu Zeiten der Ausgangsbeschränkungen, den Tagesablauf neu zu strukturieren oder mehr zu telefonieren. Das gibt das Gefühl, nicht ausgeliefert zu sein und sein Leben ein Stück weit selbst in der Hand zu haben.

Dr. Annette Haußmann
Quelle: Philipp Stoltz
Wie haben Pest und Cholera die Geschichte geprägt? Haben sich die Menschen danach verändert?
Annette Haußmann: Das müssen Sie besser einen Historiker fragen. Das Sprichwort „Jemand die Pest an den Hals wünschen“ zeigt heute noch, dass diese Zeit ein großer Umbruch war. Bei uns verändert sich jetzt schon viel. Wir begegnen uns anders, halten Abstand. Werden wir uns danach wieder unbedarft einander nähern? Der Zukunftsforscher Matthias Horx geht davon aus, dass der Zusammenhalt in Netzwerken stärker werden wird und bleibt. Die Sorge umeinander, die Kirche immer schon in ihren Gemeinden hatte, ist ein wichtiges Thema.
Genauso wie die Hilfe der Telefonseelsorge, die Situation in den Heimen, von pflegenden Angehörigen, die schwierige Lage in anderen Ländern. Diese Themen, denen wir uns schon lange mehr hätten widmen müssen, werden deutlich sichtbar. Digitale Möglichkeiten, die es bereits gab, werden plötzlich ohne Vorbehalte genutzt. Da kommt ganz schnell ganz viel in Bewegung. Die Akzeptanz von Homeoffice ist sprunghaft angestiegen aus dem Bedarf heraus. Das entlastet auch den Verkehr und die Umwelt. Viele gehen mehr nach draußen, kochen wieder selbst, verringern ihren Konsum. Wir alle, Kirche und Wissenschaft sind dafür verantwortlich, diese positiven Entwicklungen weiter zu tragen. Da kann und muss viel passieren.
Welche Grenzen unseres modernen Lebens zeigt die heutige Pandemie auf?
Annette Haußmann: Dieser Punkt betrifft vor allem die gemütliche westliche Welt. Jetzt zeigt die unsichtbare Gefahr des Virus unsere Verwundbarkeit. Wir werden im Innersten getroffen, bei den alten, kranken und hilfsbedürftigen Menschen. Das bringt eine Spaltung der Gesellschaft mit sich. Mich bedrückt die Ungerechtigkeit. Die Pandemie gefährdet und trifft vor allem die, die vorbelastet sind, die es sowieso schwer haben. Wir sind theologisch herausgefordert, das zu benennen. Ich würde gerne sagen können, dass wir künftig bewusster sind, aber ich denke, die Verlockung zum Gewohntem zurückkehren ist groß, weil das Sicherheit verschafft.
Was bietet die Kirche in solchen, für viele existenzielle, Krisen?
Annette Haußmann: Ich sehe ganz viel, was im kirchlichen Umbruch passiert. Menschen finden und suchen im Glauben Hilfe und Zuversicht. Pfarrer und Pfarrerinnen berichten aus der Quarantäne und teilen ihre Sorgen. Es gibt digitale Gottesdienste. Das kann dazu führen, dass wir wieder mehr Interesse wecken an Kirche. Das passiert aber nur auf einer Vertrauensbasis, wenn Menschen sich mitteilen und andere sich dann öffnen. Gerade über Seelsorge und Diakonie wird die Glaubwürdigkeit der Kirche verstärkt, darüber wird sie sichtbar. Ich hoffe, dass gesehen wird, die Kirche tut etwas Sinnvolles. Das müssen wir kommunizieren.
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