Wohin der Glaube führt

Innenraum Stadtkirche Offenburg mit Altar

Glaube & Spiritualität

„Mein Vater war Schriftsteller“, erzählt Reza Rasty (Name von der Redaktion geändert) und beschreibt, wie er im Iran aufgewachsen ist: „Wir hatten viele Bücher zu Hause. Ich habe viel gelesen.“ Zunächst begeisterte sich der Computeringenieur sehr für Spiritualität, doch dann entschied er, dass Religion nichts für ihn sei. Heute ist Rasty Christ und Mitglied der badischen Landeskirche. Hinter ihm liegt die Flucht nach Deutschland und eine spirituelle Reise, die ihn in die Stadtkirchengemeinde Offenburg führte.

Treffen im Verborgenen

Eine Arbeitskollegin habe ihm im Iran von Jesus erzählt. „Eigentlich hatte ich das Thema Religion für mich abgehakt“, erinnert sich Rasty. Es habe eine Weile gedauert, bis er begann, sich für den christlichen Glauben zu interessieren. „Im Iran ist das nicht so einfach“, erklärt er: „Wer als Muslim seine Religion wechselt, bekommt richtig Ärger.“ Nur im Verborgenen konnte er sich mit anderen Christinnen und Christen treffen in einer geheimen Hauskirche. Sich über das Christentum zu informieren, blieb schwierig. Schon eine Bibel war kaum zu bekommen. Natürlich gebe es die Bibel online, aber das Internet werde überwacht. „Man muss sehr aufpassen, welche Spuren man im Netz hinterlässt.“ Eine freie Religionsausübung war unter diesen Umständen unmöglich.
 
2013 kam Reza Rasty deshalb mit seiner Frau und zwei Kindern nach Deutschland. Inzwischen lebt die Familie in Offenburg und gehört zur Evangelischen Stadtkirchengemeinde. „Meine Kinder sind hier konfirmiert“, sagt Rasty. Er selbst ist Kirchenältester und betreut als Computerfachmann die Online-Gottesdienste der Gemeinde. Seine Frau ist Kirchendienerin. „Ohne die Familie Rasty müssten wir uns hier wohl in manchen Bereichen neu aufstellen“, sagt Pfarrer Christian Kühlewein-Roloff und lacht. Herr Rasty sei ein Mensch, der Brücken baut. Er helfe auch anderen Christinnen und Christen aus dem Iran, in der Gemeinde anzukommen. „An einem normalen Sonntag sitzen bei uns zehn bis fünfzehn Männer und Frauen aus dem Iran im Gottesdienst.“
 

Frischer Wind in badischen Kirchengemeinden

Seit zwei Jahren gibt es im Gottesdienst der Stadtkirche auch eine Fürbitte in persischer Sprache, berichtet der Pfarrer. „Dabei werden drei oder vier Sätze im Gebet auf Persisch gesprochen.“ Eine kleine Geste mit großer Wirkung: „Man hört und erfährt im Gottesdienst, dass unsere christliche Gemeinschaft weit über den eigenen Kirchturm hinausreicht.“ Von den Gemeindemitgliedern werde das sehr positiv aufgenommen. „Man spürt, es geht in der Kirche nicht darum, unter sich zu sein. Wir sind eine kulturüberspannende Gemeinschaft!“
 
Die Stadtkirche in Offenburg sei ein Beispiel dafür, wie eine Kirchengemeinde sich öffne für Christinnen und Christen anderer Herkunft, sagt Dr. Elisabeth Hartlieb, Beauftragte für Flucht, Migration und Islamfragen in der badischen Landeskirche. Wenn sich eine Gemeinde darauf einlasse, könnten alle sehr profitieren: „Man kann sich gegenseitig bereichern, es kann etwas Neues wachsen.“ Oft gebe es die Vorstellung, dass sich in einer Gruppe nur die anzupassen hätten, die neu hinzukommen. „Aber so funktioniert Zusammenleben nicht.“ Das sei wie in der Familie. „Da hat man früher auch gesagt: »Es ist okay, wenn die Schwiegertochter bei uns einzieht, aber sie soll sich anpassen.«“ Ein zufriedenes Miteinander entstehe jedoch viel eher, wenn alle aufeinander zugehen.
 

Offen für andere Kulturen

Die Landeskirche unterstützt Kirchengemeinden, die sich für andere Kulturen öffnen, mit dem Projekt »Gemeinsam Kirche sein«. Getragen wird es von den beiden Abteilungen des Evangelischen Oberkirchenrates »Diakonie, Migration, Interreligiöses Gespräch« sowie »Mission und Ökumene«. „Auf Wunsch bieten wir Gemeinden ausgebildete Trainerinnen und Trainer“, berichtet Elisabeth Hartlieb. „Sie besuchen etwa den Ältestenkreis, loten Bedürfnisse aus, beraten und moderieren.“ Das Projekt richte sich an Menschen aller Kulturen. Die Situation im Iran sei spezifisch. „Wir sehen, dass Christinnen und Christen aus dem Iran fliehen und in Deutschland Kontakt zu Kirchengemeinden suchen.“ In der badischen Landeskirche gebe es dafür neben Offenburg auch Beispiele in Mannheim, Heidelberg und Ettlingen.
 
Christian-Kühlewein-Roloff
Pfarrer Christian Kühlewein-Roloff bietet monatliche Glaubensgespräche an 

Quelle: Wolfgang-Reinbold

Für Pfarrer Kühlewein-Roloff liegt die Bereicherung auf der Hand, die durch die Menschen aus dem Iran entsteht. Oft seien diese am Christentum interessiert, aber nicht getauft und überlegten, in die Kirche einzutreten. Der Pfarrer bietet daher monatliche Glaubensgespräche an, bei denen Reza Rasty übersetzt. „Man kann sich das vorstellen wie einen langgestreckten Konfirmandenunterricht“, sagt Kühlewein-Roloff. Viele hätten im Iran kaum Gelegenheit gehabt, sich eingehend mit dem Christentum zu beschäftigen. Die Menschen stellten sehr grundsätzliche Fragen: Was kommt nach dem Tod? Gibt es die Hölle? Was ist Sünde? „Ich lerne dabei viel über den Islam, ich sehe aber auch meinen eigenen Glauben mit neuen Augen.“ Die Angst vor Gott als strafendem Richter habe er bisher eher aus der Kirchengeschichte gekannt, nicht aus dem eigenen Leben. „Aber wenn ich dann sehe, wie Menschen aus dem Iran genau das heute als einen Schatz in ihrem Leben entdecken, dass sie vor Gott keine Angst haben müssen, dann wird mir selbst dieser Schatz unseres Glaubens noch einmal bewusst: Heute ist das so, nicht vor 500 Jahren! – Da habe ich Luther nochmal aktualisiert bekommen.“