… ein geheimes Nebenamt*

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Das Gewöhnliche hat Barbara Schulz noch nie gereizt – je herausfordernder, desto besser: „Das, was anders ist und trotzdem gut und wichtig, das liebe ich!“ Anders und besonders ist deshalb nicht nur der Bereich, in dem sich Barbara Schulz seit rund einem Jahr ehrenamtlich engagiert – die Kinderhospizarbeit –, sondern auch der Beruf, in dem sie zuvor tätig war.
Über 25 Jahre war Barbara Schulz Lehrerin an der SRH Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd, eine Schule für Kinder mit körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen. Bei vielen von ihnen ist ihre Erkrankung lebensverkürzend. „Die Entwicklungskurve dieser Kinder geht in der Regel nicht auf-, sondern abwärts“, formuliert es Barbara Schulz. Nicht selten kam sie morgens zum Unterricht, und ein Mädchen oder Junge aus einer Klasse war unerwartet über Nacht gestorben. „Das war immer sehr schlimm“, erinnert sie sich, „aber es gehört eben zum Leben auch dazu.

Barbare Schulz, Neckargemünd
Quelle: privat
An die eigenen Grenzen stoßen
Klar habe es auch Zeiten gegeben, in denen man an seine psychischen und physischen Grenzen gestoßen sei, ein Stück weit über die eigenen Kräfte gelebt habe, sagt die die ehemalige Lehrerin. Dann halfen Kolleginnen und Kollegen in Gesprächen, die Perspektive zu wechseln und wieder aufzutanken. Das Kollegium organisierte außerdem regelmäßig gegenseitige Supervision. „Glücklicherweise kann ich mit solchen Dingen ganz gut umgehen“, überlegt Barbara Schulz, die während des Studiums in den Semesterferien auf der Station für contergan-geschädigte Kinder in der Heidelberger Orthopädie jobbte. „Ursprünglich hatte ich sogar mal Kinderkrankenschwester werden wollen. Ich hatte kein Problem, beispielsweise Blut zu sehen: Wenn die anderen weggerannt sind, dann wurde es für mich erst interessant, mich einzubringen.“
Neben der Schule war Barbara Schulz außerdem viele Jahre beim Sorgentelefon des Kinderschutzbundes engagiert und gab zusammen mit anderen Ehrenamtlichen regelmäßig jungen Menschen seelische und praktische Hilfestellung.
Kinderhospizarbeit öffentlich machen
Als die 67-jährige Heidelbergerin kurz nach dem Renten-Eintritt in der Zeitung von dem Qualifizierungskurs zur ehrenamtlichen Kinderhospizbegleitung las, der 2019 in der Mannheimer Neckarstadt starten sollte, fiel diese Information bei ihr auf fruchtbaren Boden. Aufgrund von Corona fand der Kurs teilweise online statt, in den warmen Monaten auch draußen. Auch die ehrenamtliche Arbeit selbst lief unter Pandemiebedingungen nur sehr langsam an: „Corona bremste ja Kontakte weitgehend aus. Und bei Kontakten zu schwerkranken Kindern ist man natürlich doppelt vorsichtig“, erklärt Barbara Schulz, die selbst zwei erwachsene Kinder und vier Enkel hat. Inzwischen betreut sie drei Stunden in der Woche ein Kind mit einem lebensverkürzenden Gendefekt, bei schönem Wetter gehen die beiden möglichst ins Freie. Der ganzen Familie steht sie mit Rat und Unterstützung zur Seite.
Wichtig ist Barbara Schulz nicht nur, dass nach der Corona-Zeit die ehrenamtliche Kinderhospizarbeit wieder „richtig ins Rollen kommt“, sondern dass grundsätzlich mehr darüber gesprochen wird, beispielsweise auch in Schulen: „Die Leute müssen wissen, dass und wo es diese Arbeit gibt.“ Denn betroffene Familien gebe es leider sehr viele.
Info
Der 10. Februar ist seit 18 Jahren der „Tag der Kinderhospizarbeit“. Er wurde 2006 vom Deutschen Kinderhospizverein ins Leben gerufen und hat zum Ziel, die Inhalte der Kinder- und Jugendhospizarbeit und ihre Angebote bekannter zu machen, Menschen für ehrenamtliches Engagement zugewinnen, finanzielle Unterstützerinnen und Unterstützer zu finden sowie das Thema „Tod und Sterben von jungen Menschen“ zu enttabuisieren.
* Albert Schweitzer: „Schafft Euch ein Nebenamt, ein unscheinbares, womöglich ein geheimes Nebenamt. Tut die Augen auf und sucht wo ein Mensch ein bisschen Zeit, ein bisschen Teilnahme, ein bisschen Gesellschaft, ein bisschen Fürsorge braucht. Vielleicht ist ein Einsamer, ein Verbitterter, ein Kranker, ein Ungeschickter, dem Du etwas sein kannst. Vielleicht ist es ein Greis, vielleicht ein Kind. (…) Auch auf Enttäuschungen sei gefasst. Aber lass Dir ein Nebenamt, in dem Du Dich als Mensch an Menschen ausgibst, nicht entgehen.“