Im Tal leben – im Tal bleiben

Lebensformen & Lebensfragen
Man möchte fast ins Kleine Wiesental umziehen. So schön hört sich die Erfolgsgeschichte von Diakonin Fabienne Gentner an. Sie hat sie mit ihrer kommunalen Kollegin Melanie Mühlhäuser geschrieben. Zum offiziellen Projekttitel „Im Tal leben – im Tal bleiben“ gehört für sie auch „im Tal glauben.“ Die beiden Frauen schafften es in gut zwei Jahren, die Lebensqualität in der Region positiv zu beeinflussen.
Dazu gehört eine Menge. Zuerst die Finanzierung der beiden Stellen. Die eine Hälfte finanziert die weltliche Gemeinde mit Hilfe des Leader-Fonds zur Stärkung des ländlichen Raums. Die andere Hälfte wird aus dem Topf des Kirchenkompass und von der Evangelischen Kirchengemeinde bezahlt. Das Ziel war klar: Jung und Alt im Kleinen Wiesental, zu dem die beiden Kirchengemeinden Vorderes und Oberes Kleines Wiesental gehören, sollen sich so wohlfühlen und so gut vor Ort versorgt werden, dass sie bis ins hohe Alter in ihrer vertrauten Umgebung bleiben wollen und können.
Immer in Bewegung
Seit Oktober 2019 läuft das Projekt und es ist sehr viel passiert. Zu 200 bis 300 Einwohnerinnen und Einwohnern hat Fabienne Gentner regelmäßig Kontakt. Beim ersten Treffen, schon vier Wochen nach ihrem Dienstantritt, kamen 60 Leute. Alle wollten ehrenamtlich mitarbeiten. Sie sind bis heute zum Beispiel beim Fahrdienst aktiv. Er sorgt dafür, dass alte Menschen in die Nachbarorte oder weiter entfernte Städte wie Lörrach zum Arzt kommen. Mobilität ist ein wichtiges Standbein des Projekts, weil sie Voraussetzung für Gemeinschaft ist. Was tun, wenn man abgelegen wohnt, wie viele an den Rändern des Wiesentals, und das Autofahren zu anstrengend wird oder nachts nicht mehr möglich ist? Ein vernünftiges Konzept steht schon lange, muss aber umgesetzt werden. Wie der Elektrobus, der die Lücken des öffentlichen Nahverkehrs füllen und den Einwohnern den oft sehr steilen und kilometerweiten Gang zur Haltestelle ersparen soll. Leider blieb er bei der ersten Probefahrt stehen und musste abgeschleppt werden. Ein Zeichen, dass ihm die vielen Berg- und Talfahrten nicht bekommen sind.
Die Mitfahrerbänkchen und wöchentliche Einkaufsfahrten für mehrere Nachbarn funktionieren gut, genauso wie verabredetes Mitfahren, Abhol- und Bringdienste. Das klappt auch beim Mittagstisch, der regelmäßig in verschiedenen Dörfern stattfindet. Anfangs kochten die Seniorinnen und Senioren einmal pro Woche selbst. Dann kam Corona und das Mittagessen wurde zum Mitnehmen oder als Lieferung nach Hause angeboten. Jetzt treffen sich rund 40 Menschen regelmäßig in Restaurants, mit denen das Projektbüro entsprechende Vereinbarungen getroffen hat.
Die Gemeinschaft zählt
Zusammensein ist das Wichtigste, betont Fabienne Gentner. Gesprächsstoff hätten die Menschen im ländlichen Raum genug. Die Diakonin ermöglicht solche Begegnungen und lebt ihre christliche Einstellung und wertschätzende Haltung vor. Als sie den Konfirmandenunterricht übernahm und im Talar konfirmierte, wurde vielen erst bewusst, dass sie im Dienst der Kirche steht. Umso mehr, da beide Pfarrstellen der früher mit acht Kirchengemeinden „gesegneten“ Region vakant sind. Die Diakonin möchte Kirche im Tal sichtbar und erlebbar machen. Immer öfter wird sie um seelsorgliche Gespräche gebeten, mal zwischen Tür und Angel, mal per Telefon. Wenn jemand gestorben ist, geht sie in der Familie vorbei. Bei anderen Nöten steht ein gemeinsamer Spaziergang auf dem Programm. Künftig soll es einen regulären Besuchsdienst im Tal geben.
Originelle Ideen ohne Ende

Zusammenhalt wird groß geschrieben im Kleinen Wiesental
Quelle: Fabienne Gentner
Vertrauen mit Anerkennung erworben
Inzwischen hat sich das Projektteam einen so guten Ruf erworben, dass ihre Aktionen begehrt sind, auch die Gottesdienste der jungen Leute oder der Sitz-Tanz in mehreren Ortsteilen. Warum? Die beiden Frauen trafen sich zu Projektbeginn mit Vertreterinnen und Vertretern aller Vereine, Organisationen und Initiativen, die bereits vor Ort tätig waren. Sie erforschten akribisch, was es bereits an Angeboten gab. Mit Respekt und Anerkennung schafften sie es, sich mit ihnen zu verbünden, Aktivitäten zu bündeln, sich zu ergänzen und gegenseitig zu beflügeln. „Essen auf Rädern“ hatte vorher einen vergeblichen Versuch gestartet, sein Angebot zu etablieren. Fabienne Gentner organisierte einen Mittagstisch und lud dazu ein, das Essen unverbindlich zu kosten. Es schmeckte vielen so gut, dass der Lieferant nun regelmäßig das Tal abklappert, auch weil der kirchliche Krankenpflegeverein mitmacht und die Mahlzeiten bezuschusst. Für Fabienne Gentner ist klar: Das Projekt muss weitergehen und darf Ende 2022 nicht nach drei Jahren aufhören. „Die Menschen vor Ort spüren, die Kirche ist für sie da. Sie werden gehört, gesehen und gestärkt.“