Da steh‘ ich drauf

Thomas Weiß
Gott stellt „meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31,9). Da steht sich’s gut und da lässt sich’s gut aufbrechen und Wege wagen.
Auf dem Teppich. Und auf dem Boden der Tatsachen. Und zwar mit beiden Beinen, mehr oder weniger fest. Das würde ich wohl antworten, wenn mich jemand fragte, worauf ich denn stehe. Dann denke ich zuerst an Grund und Boden, an Dielen, Auslegeware und Asphalt. Und an meine ab und zu ganz schön geschundenen Füße, mit denen ich gerne etwas standfester wäre als ich es zuweilen bin.
Vielleicht hätte ich die Frage aber auch falsch verstanden: „Worauf stehst du so?“. Wer das wissen will, möchte möglicherweise gerade nicht hören, worauf ich beharre und verweile, sondern was mich in Bewegung bringt. Stehst du auf Hip-Hop oder Händel, Mozart oder Metal? Stehst du auf Party oder Partei, Fußball oder Fischen, Bücher oder Badestrand? Worauf ich stehe, ist – im Volksmund – das, was meine Leidenschaft entfacht, was mich fasziniert, wofür ich etwas drangebe: Zeit und Zaster, Lust und Leidenschaft.
Steh‘ ich – auf Gott? Klar, er bewegt mich: Manchmal ärgert er mich, weil er so still ist und wohl grundsätzlich auf Zweifel und Fragen nicht so antwortet, dass ich es gleich verstehe. Zuweilen beglückt er mich, wenn eine feine Melodie mich verzaubert, ein Duft mich umfängt, ein Wort mich trifft und aufschließt. Ab und zu – und gerade in diesen Tagen – hadere ich mit ihm, weil ich ihn nicht begreife, sein Stillhalten und Abwarten, wenn anderswo Menschen sterben, weil ein Aggressor ihr Land mit Krieg überzieht. Und manchmal spüre ich ihn doch, wie er mich trägt, gerade durch dunkelste Zeiten hindurch, wenn ich nichts höre und sehe, und doch merke, dass er nicht von meiner Seite weicht, im Leben nicht und nicht in Krankheit und Tod. Doch, auf diesen Gott steh‘ ich, der weckt meine ganze Sehnsucht, der bewegt mich.
Aber es gilt auch das andere: Gott ist der Grund, auf dem ich stehe. „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Christus“ bemerkt Paulus einmal (1. Korinther 3,11). Ein bemerkenswerter Satz. Wir haben nur diesen, aber wir haben eben diesen Grund, auf dem sich stehen lässt: Christus – Gott, der sich uns in unbedingter, unmittelbarer, unbegrenzter Liebe zugewandt hat. Anders gesagt: Gott steht auf uns! Er lässt sich von dem bewegen, was uns den Boden unter den Füßen verlieren lässt, was uns starr macht, die Knie weich, was uns stolpern lässt. Gott bewegt sich, trägt uns, hält uns. Da steht er drauf. Darauf besteht er: seine Liebe hat kein Ende. Darum steh‘ ich, wie es mein Lieblingsvers aus den Psalmen verheißungsvoll sagt: „auf weitem Raum“ (Psalm 31,9). Da steht sich’s gut und da lässt sich’s gut aufbrechen und Wege wagen, ins Leben, und hin zu denen, die Menschen brauchen, die zu ihnen stehen.