Ende gut, alles gut

Foto aus dem Jahr 1970: frisch vermähltes Ehepaar lächelt sich an

Taufe & Konfirmation & Hochzeit & Beerdigung

Auf 50 Ehejahre zurückblicken, das ist etwas Besonderes. Man muss sich gut ergänzen und auch mal zurückstecken können. Um so mehr wenn die Braut aus behüteten Freiburger Verhältnissen stammte und der Bräutigam italienischer „Gastarbeiter“ war. Bei ihrer Goldenen Hochzeit konnte ein Paar nachholen, was 1970 noch nicht möglich war: ein Gottesdienst mit evangelischer Pfarrerin und katholischem Pfarrer.

„Zusammenkommen ist der Anfang. Zusammensein ist ein Fortschritt. Aber … zusammenbleiben ist ein Erfolg.“ Dieses Motto prangt auf der Einladung zur Goldenen Hochzeit von Rosemarie Gargiulo-Schellenberg und Pasquale Gargiulo am 30. Mai 2020. Die Titelseite schmücken Fotos der jung Verliebten von 1970, sie mit einem Hauch von Grace Kelly, er erinnert ein wenig an James Dean. Die Feier im Mai 2020 fiel dem Corona-Virus zum Opfer. Im November fand sie aller Widrigkeiten zum Trotz im kleinsten Kreis statt, und zwar ökumenisch. Bis kurz vor knapp war der katholische Pfarrer Frank Prestel in Quarantäne.

Das Dilemma passt zum gemeinsamen Leben des Paares, das der Ehemann „einen Prozess nennt, der nicht immer einfach und lustig war.“ Er sei diplomatisch und stecke der Beziehung zuliebe zurück. Sie betont, dass sie immer eine gerade Linie verfolgt und „knallhart ihre Meinung sagt.“ Für beide zählt die gute Bilanz.
 
Pasquale Gargiulo mit Rosemarie Gargiulo-Schellenberg im Arm
Pasquale Gargiulo und Rosemarie Gargiulo-Schellenberg bei ihrer Goldenen Hochzeit
Sie lernten sich bei Reparaturarbeiten im Haus ihrer Eltern in Freiburg kennen. Rosemarie Schellenberg, Einzelkind aus guten Verhältnissen, ließ sich nach ihrem Handelsschulabschluss zur Krankenschwester ausbilden. Pasquale Gargiulo stammt aus einer großen Familie in Capri. Er war Installateurmeister und flog hochkant raus als er wenig später bei ihren Eltern um die Hand seiner minderjährigen, schwangeren Freundin anhielt. „Sie sind ein Mann ohne Ehre, verlassen Sie das Haus“, klingt es heute noch in seinem Ohr. Seine Mutter reagierte ganz anders: „Wenn du sie liebst, dann heirate sie.“ Das wollte er unbedingt.

Jung gefreit

Die 19-jährige Rosemarie blieb mit der neugeborenen Tochter bei den Eltern wohnen, die sich eine Ehe mit dem „Gastarbeiter“ ziemlich schwarz ausmalten. Dass ihr Freund katholisch war, sei nicht so schlimm gewesen, meint die evangelische Rosemarie Schellenberg-Gargiulo.

Als das Kind eineinhalb Jahre alt war, beugten sich die Eltern dem starken Willen der dann volljährigen Tochter. 1970 standen weitere Hürden im Weg. Der evangelische Pfarrer bestimmte kategorisch: entweder oder, ökumenische Trauung gibt’s nicht. Der katholische Priester beschied dem jungen Pasquale, er bräuchte nicht wieder in die Kirche kommen, wenn er eine evangelische Ehe nur in Erwägung zöge. „Dabei hatte der Papst die ökumenische Trauung schon 1963 erlaubt“, sagt der 79-Jährige entrüstet. „In den Gemeinden wurde das nicht umgesetzt.“ Ein regelmäßiger katholischer Joggingpartner kündigte ihm sogar die Freundschaft auf. Elf Jahre lang wurde der junge Ehemann nach seiner evangelischen Trauung von der Kommunion in St. Urban ausgeschlossen. Bis ein neuer Priester kam. In der Zwischenzeit „rettete“ ihn der evangelische Pfarrer der Erlösergemeinde seiner Frau und ließ ihn regelmäßig am Abendmahl teilnehmen.
 
Auf dem Standesamt, bei der Anmeldung seines Kindes, gingen die Schikanen weiter. Dort wurde dem „Ausländer“ klar gemacht, dass er als unverheirateter Vater nur Pflichten habe und keine Rechte. Bei der Vorbereitung auf die Eheschließung bekam die Braut ihr Fett ab. Wie könne sie von ihrem katholischen Mann verlangen, evangelisch zu heiraten? Das sagte der Standesbeamte nicht ungestraft, ihr Vater hätte ihn sich vorgeknöpft, erzählt Rosemarie Gargiulo mit einer gewissen Genugtuung.
 
Gruppenfoto der Familie Gargiulo-Schellenberg
Gruppenfoto der Familie Gargiulo-Schellenberg

Eindeutige Arbeitsteilung

Die fünf Kinder evangelisch zu taufen war der 72-Jährigen ein Herzensanliegen. Ihr Mann hielt es wie sein Vater: „Ich habe mich ums Geldverdienen gekümmert. Meine Frau war die Chefin und hat alles andere geregelt.“ Sie betont, dass ihre drei Mädchen und zwei Jungs einen katholischen Kindergarten besucht haben. Im evangelischen „war keine Struktur drin“. Den katholischen leitete eine Nonne, die den Kleinen liebevoll Werte vermittelte und wusste, wie man für Ordnung sorgt. Damals, als junge Mutter, hätte sie mehr Feste in der katholischen als in der evangelischen Kirche mitgefeiert. Als ihre Tochter mit zehn zur Kommunion gehen wollte, schritt die Mutter ein. „Das kam nicht in Frage.“ Wie die übrigen Geschwister wurde sie konfirmiert.
Pfarrerin Cornelia Hübner spricht zum Ehepaar Gargiulo-Schellenberg
Pfarrerin Cornelia Hübner spricht zum Ehepaar Gargiulo-Schellenberg

Abends beteten die Eltern regelmäßig mit den Kindern, er auf Italienisch, mit Bekreuzen, sie auf Deutsch. Gebete gehören immer noch zum Alltag, morgens und abends. Rosemarie Gargiulo-Schellenberg leitet seit 18 Jahren einen evangelischen Frauenkreis und besucht regelmäßig den Gottesdienst. Ihr Mann geht mal in die katholische, mal mit in die evangelische Kirche. Beide wünschen sich, auch im Sinne ihrer bald sieben Enkelkinder, die sie regelmäßig betreuen, dass ihre Kirchen moderner werden, nicht nur die Generation Ü70 im Gottesdienst sitzt, gleichgeschlechtliche Paar selbstverständlich getraut werden und das Abendmahl viel öfter überkonfessionell gefeiert wird.

Konflikte elegant gelöst

Außer ihrem Glauben haben ihre pragmatische Art, Probleme zu lösen, ihre Ehe stabilisiert. Als er nach Jahrzehnten in Deutschland eine Identitätskrise hatte, sich als Italiener verloren fühlte, schaffte das Paar eine neue TV-Schüssel an. Seitdem, erzählen sie, gehen sie getrennte Wege beim Fernsehen, er schaut in seinem Zimmer das italienische, sie in ihrem das deutsche Programm. Auf ihren stillen Vorwurf, er sei ein Kulturbanause, reagierte Pasquale Gargiulo lange nicht. Er habe nur zwei Seiten eines Buches lesen können, ohne dass ihm schlecht wurde. Bei einer Kur probierte er es noch einmal, erfolgreich. Jetzt liest er ein Buch nach dem anderen, aber kaum welche, die auch ihr gefallen. Einig waren sich die beiden nach ihrer Goldenen Hochzeit. Sie haben sie sehr genossen. Er sagt, sie hätte ihm etwas gegeben, was er 50 Jahre lang vermisst hat: den Familiensegen. Die evangelische Pfarrerin, Cornelia Hübner, hat die Zeremonie mit einem katholischen und evangelischen Segen ebenfalls sehr berührt. „Das hatte einen heilenden Effekt, auch wenn man 50 Jahre nicht zurückdrehen kann.“