Vielfalt fordert uns heraus

Lebensformen & Lebensfragen | Landeskirche & Ökumene & Religionen
Pfarrerin Claudia Baumann ist seit Dezember 2018 Beauftragte für Gleichstellung und Diversity der badischen Landeskirche. Ihr Aufgabenspektrum ist schon unter normalen Bedingungen enorm „vielfältig“; auch angesichts der weltweiten Krisen wurde noch einmal deutlicher, wie groß die Herausforderungen sind, vor denen die unterschiedlichen Ebenen von Diversity – Vielfalt – nach wie vor stehen.
Welche gesellschaftlichen Bereiche und Personengruppen haben Sie im Blick?
Claudia Baumann: Grundsätzlich können sich alle an mich wenden, die sich benachteiligt oder nicht gleichgestellt fühlen – beispielsweise aufgrund ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder Identität, ihrer Behinderung, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihres Alters. Es geht aber auch um Alleinerziehende, Singles, Großfamilien, Menschen mit wenig Geld, um Fragen sexueller Belästigung, um Intersektionalität und vieles mehr. Im Blick auf die Gesellschaft geht es um jede Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Leider ein zunehmend bedrängendes Thema.
Inwiefern sind diese Gruppen von Chancenungleichheit betroffen?
Claudia Baumann: Wir alle erfahren in unserem Leben zu unterschiedlichen Zeiten Ausgrenzung oder grenzen selbst aus – gewollt oder ungewollt. Dafür sensibel zu werden, ist wichtig. Leider sind auch kirchliche Strukturen und Handlungsweisen nicht frei von Benachteiligung. Sie haben diese zum Teil jahrhundertelang mitgefestigt oder sogar vorangetrieben.

Pfarrerin Claudia Baumann
2021 haben wir 50 Jahre rechtliche Gleichstellung von Frauen im Pfarramt in der badischen Landeskirche gefeiert. Gleichzeitig nehmen wir mit Sorge weltweite ökumenische Rückschritte hinsichtlich der Frauenordination wahr. In der badischen Landeskirche sind wir in Hinblick auf die Besetzung von Pfarr- und Dekanatsstellen recht gut aufgestellt. Dennoch bleibt die Aufgabe bestehen, weiter daran zu arbeiten, gerade auch die mittleren und höheren Leitungsämter oder etwa Gremien und Arbeitsgruppen vielfältiger in jeglicher Hinsicht zu besetzen und aufzustellen.
Claudia Baumann: Wie die Bibel so verweist auch unsere Grundordnung auf die Würde jedes einzelnen Menschen als Ebenbild Gottes. In der Taufe haben alle Unterschiede ihre trennende Bedeutung verloren. Als unsere Landessynode 2016 beschlossen hat, gleichgeschlechtlich-liebende Menschen kirchlich zu trauen, hat sie auch festgehalten: „In der ekiba sind alle Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität willkommen!“ Wir wollen eine inklusive und vielfältige Kirche sein und leben!
Daneben gilt in unserer Kirche und Diakonie für alle Dienststellen wie in ganz Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Angestellte dürfen nicht aufgrund ihrer sexuellen Identität oder Orientierung diskriminiert werden. Auch nicht aus rassistischen Gründen oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, einer Behinderung oder des Alters. Leider machen Menschen dennoch manchmal verletzende Erfahrungen in unserer Kirche. Dies nicht hinzunehmen, sondern genau hinzuhören, hinzuschauen, Muster aufzudecken und zu handeln, ist eines meiner zentralen Arbeitsfelder.
Hat die Corona-Pandemie die Situation verändert bzw. verschärft?
Claudia Baumann: Die Corona-Krise hat bestehende Ungerechtigkeiten sichtbarer gemacht und gleichzeitig die Schieflagen vor allem im Hinblick auf die wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen und Kindern verstärkt. Hierauf versuchen wir auch als Kirche und Diakonie zu reagieren und Hilfestellungen anzubieten. Dabei geht es beispielsweise um die Frage nach einer adäquaten Bezahlung von „systemrelevanten Frauenberufen“ – gerade auch von „Care-Berufen“. Ganz selbstverständlich ging man davon aus, dass in den meisten Fällen Frauen gleichzeitig die Kinder beschulen, den Haushalt führen und, falls überhaupt möglich, Home-Office betreiben. Besonders Alleinerziehende trifft dies erheblich. Kinder und Erwachsene mit Handicap sind in den aktuellen Diskussionen kaum im Blick. Häusliche Gewalt, die häufiger Frauen und Kinder betrifft, hat in der Corona-Zeit zugenommen.
Claudia Baumann: Es scheint, als ob dieser Krieg Geschlechterrollen und die Frage nach Menschenrechten um Jahrzehnte zurückwirft und archaische Bilder hervorruft. Männer werden zum Kampf gezwungen. Frauen werden überwiegend auf der Flucht gezeigt. Gleichzeitig müssen behinderte und alte Menschen zurückgelassen werden. Schwarze Menschen erfahren an den Grenzen Diskriminierung. Transidente Menschen werden an der Flucht gehindert und zurückgeschickt. Patriarch Kyrill rechtfertigt den Krieg mit der Abwehr von CSDs. Und wieder einmal werden auf gefährliche Weise antisemitische Stereotype bedient und verstärkt.
Dass Frauen und Mädchen als „Kriegswaffe“ in Massen vergewaltigt werden, ist unerträglich. Ebenso, dass zugleich Frauen Fluchtangebote nach Deutschland abschlagen, weil ihnen bekannt ist, dass Deutschland als „Bordell Europas“ durch seine aktuelle Gesetzgebung Menschenhandel und Zwangsprostitution fördert. Wir hören auch von zahlreichen Babys, die von „Leihmüttern“ auf die Welt gebracht wurden und jetzt nicht „abgeholt“ werden können.
Als Kirche müssen wir in Hinblick auf die entsetzlichen Bilder und Nachrichten dieser Tage klar Position beziehen. Gerade für die besonders vulnerablen Menschen und Gruppen. Dieser Krieg lenkt auf furchtbare Weise unseren Blick auf existentielle ethische Fragestellungen, zu denen wir als Kirche nicht schweigen dürfen und wollen.
Wie kann es sein, dass Vielfalt heutzutage noch immer nicht selbstverständlich ist?
Claudia Baumann: Vielfalt führt zu Reibung, stellt manches in unserem Leben infrage und fordert uns heraus. Das ist manchmal unangenehm oder macht Angst. Manche Menschen reagieren mit Abgrenzung und Abschottung auf das „Fremde“.
Vielen Menschen gibt es Halt und Sicherheit, sich klar mit etwas identifizieren zu können. In einer Zeit der Individualisierung und großen persönlichen Entfaltungsfreiheit gewinnen gleichzeitig auch wieder bewährte Traditionen und eindimensionale Deutungsmuster an Bedeutung. Doch Gottes Schöpfung ist vielfältig und kostbar. Sie lädt uns zum Staunen ein, macht neugierig, sie bereichert und erzählt von Gottes heilsamer Weite – auch und gerade wenn manches als fremd und neu erlebt wird. Für diese Werte müssen wir gerade auch als evangelische Kirche einstehen und sie verteidigen.
Wo sehen Sie aktuell den dringendsten Handlungsbedarf?
Claudia Baumann: Es ist wichtig, dass wir über die aktuellen politischen Entwicklungen, Entscheidungen und Maßnahmen in den unterschiedlichen Krisen dieser Tage ins Gespräch kommen. Gerade auch in unseren Gemeinden. Die Sorgen und Ängste auf allen Seiten müssen ernst und die besonders vulnerablen Gruppen und Menschen in den Blick genommen werden.
Es ist wichtig, aktiv zu werden, wo Verschwörungstheorien und Rechtspopulismus verbreitet werden – gerade auch in christlichen Kreisen. Es ist unsäglich, wie offen auf unseren Straßen und im digitalen Netz Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zur Schau getragen und Grenzen überschritten werden. Auch Algorithmen im digitalen Raum haben gesellschaftliche Auswirkungen. Diese müssen gerade hinsichtlich der Benachteiligung von Frauen und Menschen unterschiedlicher Vielfaltsmerkmale untersucht werden.
Wen sehen Sie dabei besonders in der Pflicht?
Claudia Baumann: Der Staat ist mit Sicherheit in der Pflicht, die zunehmende Hasskriminalität zu unterbinden und deutlicher zu sanktionieren. Dasselbe gilt für häusliche und sexualisierte Gewalt. Soziale und wirtschaftliche Missstände und die durch den Krieg weiter zunehmende gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich, müssen nachhaltig angegangen werden. Dabei sind Frauen als Expertinnen und marginalisierte Gruppen auf allen Ebenen gleichberechtigt zu hören und einzubeziehen.
Doch es beginnt in unseren Köpfen, im täglichen Miteinander, in unseren Gemeinden, in der Kneipe, auf dem Wochenmarkt, am Fußballfeld. Wir brauchen eine Kultur, in der wir uns offen und fair miteinander auseinandersetzen. Eine Kultur, in der wir konstruktiv miteinander streiten und ringen. Gerade um das, was uns als Gemeinschaft tragen und zusammenhalten soll. Eine Studie der Bosch- Stiftung hat erwiesen, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft dort besonders groß ist, wo Vielfalt anerkannt wird.
Die Corona-Krise hat uns gelehrt, dass wir vermehrt die Fähigkeit brauchen, Mehrdeutiges und Ungewisses auszuhalten – ohne in einfache Antworten zu verfallen, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden.
Diese Zeiten sind eine große Herausforderung für uns als Kirche und zugleich die Chance, uns als Christinnen und Christen privat oder beruflich von der Botschaft des Evangeliums her in gesellschaftliche Diskurse einzubringen und konkret zu handeln.
Claudia Baumann: Das Anderssein des Gegenübers akzeptieren und respektieren. Aufmerksam durch die Welt gehen, wahrnehmen, wo man selbst verletzt wird oder andere benachteiligt werden, ganz direkt oder strukturell. Und sich nicht damit abfinden. Sich solidarisieren mit anderen. Hinsehen, Unangenehmes aussprechen und mit dafür sorgen, dass sich etwas ändert! Gott um Weisheit, Liebe, Besonnenheit und Kraft bitten und um die Erkenntnis des rechten Weges. Jeden Tag aufs Neue.
Claudia Baumann: Meine Arbeit berührt viele kirchliche Arbeitsfelder und kirchenleitendes Handeln. Aus diesem Grund arbeite ich auch referatsübergreifend in verschiedenen Arbeits- und Fachgruppen mit oder berate Abteilungen bei ganz konkreten Projekten. Ich plane oder vermittle Bildungsveranstaltungen oder bin als Referentin selbst eingeladen. Zuallererst aber fragt meine Stelle nach unserem Kirche-Sein: Wie können wir im Auftrag des Evangeliums miteinander inklusive und vielfältige Kirche sein? Eine Kirche, in der alle mitarbeiten und sich so einbringen können, wie sie sind? Das betrifft Fragen der Haltung und Kultur einer Kirche und ebenso Fragen der Organisationsentwicklung. Daher ist meine Arbeit auch politisch-strategisch verankert. Als Pfarrerin auf dieser Stelle erarbeite ich geistliche und seelsorgliche Angebote, die bei anderen Abteilungen nicht im Blick sind, z.B. eine religiöse Feier oder ein Segensritual anlässlich der Transition bei der Angleichung des Geschlechts.
Claudia Baumann: Selbstverständlich! Gemeinden und Einrichtungen unserer Landeskirche können sich jederzeit gerne an mich wenden!
Weitere Informationen finden Sie in der Infothek im Arbeitsfeld Gleichstellung & Diversity
Claudia Baumann
Landeskirchliche Beauftragte für Gleichstellung und Diversity, Leitung der Stabsstelle
Telefon: +49 721 9175-107