Emojis als gemeinsame Sprache

Einige Emojis und deren deutsche Beschreibung liegen auf dem Boden

Beratung & Seelsorge & Diakonie

Wie erfahren Geflüchtete und Migrationsfamilien von Hilfsangeboten und Beratungsstellen? Wie kommt man ins Gespräch, wenn die gemeinsame Sprache fehlt? Mit Emojis. Die lachenden, weinenden oder zwinkernden Symbole sind auch ohne gemeinsame Sprache verständlich. Mit ihnen arbeitet das Projekt „Emoji – Migrationsfamilien stärken“.

Die Hamburger Firma hat den geschützten Begriff „Emoji“ kostenfrei zur Verfügung gestellt. Die badische Landeskirche finanziert das Projekt seit 2019. Es läuft noch bis 2023. Jetzt wurde vor der Landessynode Zwischenbilanz gezogen.
 
Ursula Bank, Landeskirchliche Beauftragte für Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung und Regine Gnegel, Referentin Flucht und Interkulturelle Kompetenz im Evangelischen Oberkirchenrat fiel lange vor dem Ukrainekrieg auf, dass Geflüchtete und andere Familien mit Migrationshintergrund viele Hilfsangebote nicht kennen. Deshalb machten sie sich für ein kirchliches Startup stark, das Kinder, Jugendliche und ihre Eltern niederschwellig und auf neuen Wegen an Psychologische Familienberatung heranführen soll. Die Verantwortlichen in der badischen Landeskirche konnten sie überzeugen. Zwei Fachstellen machen mit: in Pforzheim und in Bretten (Psychologische Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, Diakonisches Werk Karlsruhe-Land). Für dieses Engagement gab es kürzlich einen Preis.
Pforzheimer Emoji-Team
Zum Pforzheimer Emoji-Team gehört außer den Psychologinnen Claudia Theilmann-Braun (l.), Patricia Diaz-Bone (r.) auch Tanusha Thanabalasundaram von der Flucht- und Migrationsberatung. Sie bildet eine unverzichtbare Brücke für viele Migranten/-innen zur Psychologischen Beratungsstelle, weil sie bei ihrer Arbeit Vertrauen in das Angebot schafft. Sie macht geflüchtete und migrierte Familien auf das Projekt aufmerksam. Dafür hat sie Podcasts in verschiedenen Sprachen mitentwickelt. Als vertraute Kontaktperson begleitet sie auch manche Hilfesuchende zur Beratung. 

Quelle: Diakonisches Werk im Landkreis Karlsruhe

Kinder ziehen den Kürzeren

Die Pforzheimer Beraterinnen Claudia Theilmann-Braun und Patricia Diaz-Bone fanden es naheliegend, das Projekt in ihrer Stadt umzusetzen. Dort gibt es einen der höchsten Anteile an Migrantinnen und Migranten in Baden-Württemberg. In manchen Kindertagesstätten seien kaum deutsche Kinder. Die Fachfrauen sind begeistert, dass sie dank der Projektmittel mehr Zeit und kreative Möglichkeiten haben, an die jungen Menschen und ihre Familien „heranzukommen“. Viele Jugendliche würden aus dem Blick geraten, wenn die Eltern Probleme hätten. „Migrationsfamilien sind besonders belastet, weil sie aus schwerwiegenden Gründen ihre Heimat verlassen und sich unter widrigen Bedingungen, wie zum Beispiel schlechten Wohnverhältnissen, einleben mussten“, betont Patricia Diaz-Bone. „Sie kennen die hiesigen Strukturen und Institutionen nicht.
 
 
Geflüchtete warten oft jahrelang auf ein Gespräch beim BAMF (Anm. der Redaktion: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), um einen Asylantrag stellen zu können und dürfen währenddessen nicht arbeiten.“ Claudia Theilmann-Braun ergänzt, dass die Menschen unter Druck stehen, die sich Sorgen um Angehörige machen, die irgendwo in Gefahr sind. Zum Beispiel jesidische Eltern, die nicht wüssten, was aus der Tochter, die vom Islamischen Staat (IS) entführt wurde, geworden ist. Die Belastung der Eltern wirke sich auf die ganze Familie aus.

Viele Gründe für Krisen

Die Psychologinnen erleben es immer wieder, dass die Kinder es ihren Eltern recht machen wollen. Diese hoffen, dass der Nachwuchs einen guten Schulabschluss macht oder erfolgreich eine Ausbildung absolviert. „Aber viele Kinder haben große Verluste erlitten, ihr Zuhause verloren, Schreckliches auf der Flucht und riesigen Stress erlebt.“ Das führe dazu, dass sie Probleme haben, sich zu konzentrieren, einen Platz in der Klasse zu finden, Freunde zu gewinnen, nicht anzuecken. Patricia Diaz-Bone stellt fest, dass viele Kinder das verloren haben, was Jugend ausmacht:  Leichtigkeit, Sorglosigkeit und das Erleben im Hier und Jetzt.  Zwischen den gutgemeinten Wünschen der Eltern und dem Leistungsvermögen der Kinder klafft eine große Lücke, stellt Claudia Theilmann-Braun fest.  „Die Kinder wollen gute Kinder sein, den Ansprüchen genügen, aber dadurch kommt es zu Krisen, Eltern sind oft überfordert und Kinder auch.“ Patricia Diaz-Bone sieht noch eine andere Herausforderung, die nicht auf deutsche, benachteiligte Gruppen zutrifft: das Hin- und Hergerissen Sein zwischen dem Herkunftsland und der neuen Heimat. Bei jedem neuen Problem, wie einer drohenden Nichtversetzung zum Beispiel, tauche die Frage auf: „Lass ich mich auf hier ein oder gehe ich wieder zurück in das Land, wo Verwandte leben, die Sprache und alles vertraut ist?“ Dazu komme, dass deutsche Familien eher das komplette Hilfesystem nutzen können, Jugendamt, Familienhilfe, Zuschüsse … „Viele wissen, was es gibt, können die Sprache, können anrufen und erklären: ich habe eine Depression und brauche eine Therapie.“ Den meisten Geflüchteten und vielen Migranteninnen und Migranten fehle auch das soziale System, sie hätten keine Freunde oder Verwandtschaft vor Ort, die stabilisieren.
 
Emp
Emojis zeigen viele Gefühle, die von allen verstanden werden, auch ohne eine gemeinsame Sprache zu sprechen.

Quelle: Diakonisches Werk im Landkreis Karlsruhe

Eigene Fähigkeiten entdecken

Sein Herz auszuschütten und Schwierigkeiten zu klären, dafür gibt es genug Gründe für Migrationsfamilien. Die regelmäßigen offenen Sprechstunden mit Ankündigung und Foto der beiden Fachfrauen im Schaukasten im Lukas-Familienzentrum in der Pforzheimer Weststadt zeigten den Bedarf. Viele Eltern kamen spontan, andere machten Termine aus. Auch die Theaterworkshops, die in der Beratungsstelle stattfinden, werden gut von Kindern und Jugendlichen angenommen. Beim Theaterspielen entdecken die jungen Leute ihre eigenen Stärken, integrieren sich in eine Gruppe und haben zusammen Spaß, erzählt Patricia Diaz-Bone. Sie leitet die Workshops zusammen mit Selda Vogelsang, einer Schauspielerin und Künstlerin, die sehr viel Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus verschiedenen Kulturkreisen hat. Dabei wird Vertrauen aufgebaut, das zu Gesprächen unter vier Augen führt. Über die Kinder kommen später die Eltern in die Beratungsstelle. Im Gegensatz zu den jungen Menschen sprechen sie häufig weniger gut oder gar kein Deutsch. Gut, dass dann der Dolmetscherpool der Stadt zur Verfügung steht und inzwischen zusätzliche Ehrenamtliche für die vertraulichen Gespräche qualifiziert worden sind. Die Kinder sollen bewusst nicht für ihre Eltern übersetzen, „obwohl sie das sehr gerne tun“, da sie nicht zusätzlich mit Problemen konfrontiert werden sollen.

Die Arbeit soll weitergehen

Das Beratungsangebot wird von den Migranteninnen und Migranten genauso wie bei Einheimischen unterschiedlich bewertet. Manche nehmen es dankbar an, auch Menschen, die kein Deutsch können, aber psychologischen Rat befürworten und schätzen, wie Patricia Diaz-Bone sagt. Andere hätten kaum eine Vorstellung von psychischen Prozessen, seien misstrauisch und ängstlich. „Wenn die Migrantinnen und Migranten andocken, erleben sie, dass ihre Not gesehen wird und wo es gerade klemmt. Im besten Fall kommen ihnen selbst gute Ideen, wie es ihnen besser geht“, meint Claudia Theilmann-Braun. „Das Schönste ist, wenn sich unsere Hilfe rumspricht und wir weiterempfohlen werden.“ Die Elternangebote, das Theaterspielen und die Fortbildungen für einen kultursensiblen Umgang mit jungen Menschen waren erfolgreich, obwohl Corona viele geplante Veranstaltungen ausgebremst hat. „Unser Projekt lebt von persönlichem Kontakt, auch mit den Partnerinnen und Partnern in den Institutionen. Da war alles eingeschränkt, obwohl wir bei Lehrkräften und Erzieherinnen sehr gut vernetzt sind, jetzt noch mehr über die Emoji-Aktivitäten“, erzählt Patricia Diaz-Bone. Die Psychologinnen wollen, dass das Emoji Projekt 2023 angesichts der politischen Weltlage von der öffentlichen Hand übernommen wird. „Es geht um einen guten Start ins Leben für Kinder und Jugendliche und um ihre Integration, von der alle profitieren“, betont Patricia Diaz-Bone. Sie weist daraufhin, dass Erziehungsberatung gesetzlich verankert ist und diese Arbeit viel weniger kostet als alle Hilfen, die ins Spiel kommen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. „Familienberatung ist Prävention und günstiger als stationäre Jugendhilfe, Psychiatrie oder ein Leben ohne Bildungsabschluss. Wir können vorbeugend wirksam werden und junge Menschen auf ihrem Lebensweg stabilisieren.“
 
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