Viel mehr als nur Nachhilfe

Zwei Ärme und Hände mit zweimal Daumen hoch

Bildung & Beruf

„Es ist jedes Mal cool, wenn wir uns sehen!“ Der 15-jährige Robin ist überzeugt: Die Patenschaft im Rahmen von „Fit fürs Leben“ tut ihm gut. Bei diesem Berufs-Orientierungs-Projekt für Jugendliche in Konstanz unterstützen Erwachsene Schülerinnen und Schüler in schulischen Fragen und bei der Berufsfindung. Oft ganz nebenbei, wenn man gemeinsam Freizeit verbringt.

Robins Pate ist bereits im Ruhestand. Seit rund einem Jahr treffen sich die beiden einmal pro Woche zum gemeinsamen Essen, Tischtennisspielen – und Reden. „Ich fand gleich, dass er nett aussieht“, erinnert sich Robin an ihre erste Begegnung – die beiden verstanden sich auf Anhieb gut. 

Da wachsen Beziehungen

„Fit fürs Leben“ gibt es seit rund acht Jahren. Ursprünglich war das spendenfinanzierte Projekt hauptsächlich für Werkrealschülerinnen und -schüler gedacht, die dabei von ihrem Paten bzw. ihrer Patin Hilfe und Beratung bekommen sollten – ergänzend zu dem, was Lehrerinnen und Lehrer leisten. Schulabbrüche sollten dadurch verhindert und ein guter Start ins Berufsleben für die jungen Leute erleichtert werden. Das Angebot wurde deshalb gezielt an Schulen angeboten, deren Kinder einen nicht immer ganz einfachen familiären Hintergrund und auch nicht unbedingt die besten Noten mitbringen. „Inzwischen machen aber auch einige Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium und der Walldorfschule mit“, berichtet Katrin Jüttler, die das Projekt koordiniert. Auch ukraninische Jugendliche mit Fluchthintergrund werden aktuell betreut. Außerdem sind die Patenschaften mittlerweile viel mehr als schulische und Berufs-Beratung: Beim Sport, beim Spaziergang oder Essengehen entstehen vertrauensvolle Beziehungen, die weit über den „Nachhilfe“-Charakter hinausgehen.

Ein bisschen wie Freundschaft

So wie auch bei Katrin Schmitt und ihrer 13-jährigen Patenschülerin. Die Literaturwissenschaftlerin schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit und stieß vor etwa zwei Jahren über die Ehrenamtsbörse der Stadt Konstanz auf „Fit fürs Leben“. Da sie ursprünglich Lehrerin werden wollte und weil die ein bis zwei Stunden, die das Engagement bei „Fit fürs Leben“ etwa erfordern, sich gut mit ihrem Terminplan vereinbaren ließen, bewarb sie sich als Patin.
 
„Nach dem Kennenlernen in der Schule, gemeinsam mit ihrer Mutter, der Lehrerin und der Projekt-Koordinatorin sind wir vor allem viel zusammen spazierengegangen. Sie findet es cool, dass jemand auch mal Zeit nur für sie hat, ohne dass ihre Geschwister dabei sind, und dass sie sich mit einer jungen Erwachsenen über ihre Themen unterhalten kann“, berichtet Katrin Schmitt. „Wir sprechen darüber, welche beruflichen Ziele sie hat, welchen Schulabschluss sie dafür braucht, und suchen gemeinsam nach Möglichkeiten für Praktika. Wir spielen und backen aber auch zusammen. Es ist ein bisschen wie Freundschaft.“ Die 30-Jährige motiviert es, dass sie der Jugendlichen ihre Perspektiven zeigen kann. „Umgekehrt kann sie mit mir über vieles reden, was mit den Eltern so vielleicht nicht immer möglich ist. Mir muss sie beispielsweise keine Rechenschaft darüber ablegen, wenn sie mal eine schlechte Note mit nach Hause bringt.“
 
Ganz ähnlich ist das auch bei Robin und seinem Paten: „Wir haben zusammen überlegt, was nach der Schule etwas für mich sein könnte. Ich will für ein Jahr freiwillig zum Bund und er hatte schon viele gute Tipps für mich, was ich dafür brauche und wie ich dorthin komme. Mit ihm über persönliche Sachen zu reden, ist oft einfacher als mit meinen Eltern. Aber er ist eben trotzdem ein Erwachsener und hat viel mehr Erfahrung als meine Kumpels. Das ist cool.“
 
„,Fit fürs Leben‘ ist eine sehr dankbare Sache“, beobachtet auch Katrin Jüttler immer wieder. In den Tandems entstünden schnell freundschaftliche Verhältnisse, die oft noch lange nach Beendigung der eigentlichen Patenschaft weiterbestehen. „In diesem Alter haben die eigenen Eltern ja nur selten Recht“, sagt sie schmunzelnd.

„Sorgende Gemeinde Werden“ (SGW) – ein starker Unterstützer

Die Unterstützung durch das Projekt „Sorgende Gemeinde Werden“ ist für die Koordinatorin von großem Vorteil: „Zuvor waren die Projekt-Mitgründerin Nicola Voigt und ich mehr oder weniger allein für das Projekt verantwortlich. Jetzt sind wir mit einem kleinen, aber starken Team vernetzt. Ich bekomme nochmal ganz neue, wertvolle Infos, kann mich in Workshops oder Seminaren beispielsweise zum Thema Ehrenamt noch besser weiterbilden und auf landeskirchliche Unterstützung und Beratung zurückgreifen.“
 
„Aktuell haben wir bei ,Fit fürs Leben‘ 14 Patenschaften und einige Anfragen auf der Warteliste.“ Da die Pandemiestarre sich allmählich wieder löse, ist sie zuversichtlich, was die Zukunft des Projekts betrifft: „Wir bekommen von allen Seiten positive Rückmeldungen: von den Eltern, den Lehrerinnen und Lehrern, den Patinnen und Paten und vor allem von den Schülerinnen und Schülern selbst. Beispielsweise hatten wir einen Jungen, bei dem nicht alles ganz rund lief. Sein Pate hat aber nicht aufgegeben. Mittlerweile hat er sich in der Schule sehr gebessert und die ganze Familie ist gemeinsam mit dem Paten in den Urlaub gefahren.“ Es gebe immer wieder solche Erfolgsgeschichten „und das macht mich richtig glücklich“.
 
Gefördert wird „Fit fürs Leben“ auch vom Projekt „Sorgende Gemeinde werden“ der Landeskirche und Diakonie Baden.