Expedition Hoffnung - Konfirmation damals und heute

Taufe & Konfirmation & Hochzeit & Beerdigung
Die Zeiten haben sich geändert, aber die Konfirmation ist immer noch ein besonderes Erlebnis. Wie empfand die Kriegsgeneration ihren Festtag in der Kirche? Das erzählt die 82-jährige Rita Rau, die in Langensteinbach lebt. Für die junge Luca-Marie Grünzig aus Radolfzell markierte der Segen einen Höhepunkt auf ihrem Weg zum Glauben.
Rita Rau kann sich sehr gut an ihre Konfirmation vor 68 Jahren erinnern. Die fast 82-Jährige, die heute in Langensteinbach wohnt, wurde am 28. März 1954 mit 13 Jahren von Pfarrer Hermann Hoeckh in Kleinsteinbach konfirmiert. Für ihn schwärmt die zweifache Mutter heute noch. „Er war streng und trotzdem ein toller Pfarrer, wir haben so viel von ihm gelernt.“ Ein Jahr lang gab es Konfirmandenunterricht, im Wechsel in Singen und Kleinsteinbach. Drei Jahre ging die Christenlehre im Anschluss. Die Jugendlichen bekamen in jeder Stunde Aufgaben, die beim nächsten Mal abgefragt wurden. So lernten die 24 Konfirmandinnen und Konfirmanden den Katechismus und die Zehn Gebote auswendig, sowie zahllose Kirchenlieder und Bibelverse.
Religiöse Sitten waren bewusst

Rita Rau (li) bei Ihrer Konfirmation 1954
Quelle: Rita Rau privat
Die Kleidung für die Konfirmation war streng geregelt, alle in Schwarz, die Buben im Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte, die Mädchen ein künstliches Blumenkränzchen im Haar und ein weißes Spitzentaschentuch im Gesangbuch, dessen eine Ecke herausschauen musste. Sie zogen am Sonntagmorgen zu den Klängen des Posaunenchors in die Kirche ein. Rita Rau konnte nachts kaum schlafen, sie befürchtete, beim öffentlichen Abhören zu versagen. Alles ging gut, auch das schwierige, oft geprobte Konfirmandenlied „Oh, Lebensbrünnlein tief und groß …“.
Bescheidene Verhältnisse
Danach gab es ein Festmahl zuhause, im ausgeräumten Wohnzimmer, damit die Verwandtschaft Platz fand: Markklößchen-Suppe, Rinderbraten, Nudeln und Salat. Das war in der Nachkriegszeit außergewöhnlich, zumal die Mutter der kleinen Rita mit 25 Jahren ihren Mann in Russland verloren hatte und im Alltag auf die wohltätige Schulspeisung für das „klapperdürre“ Kind angewiesen war. Entsprechend bescheiden fielen die Geschenke aus. „Heute zählen die Konfirmanden das Geld wie ich damals die Blumenstöckchen, die ich von den Nachbarn bekam: Hyazinthen und Primeln, ein Taschentuch, kleine Mokkatässchen und ein Buch. Von den Eltern, es gab einen Stiefvater, - „den besten Vater, den ich mir wünschen konnte“-, bekam sie erst nachträglich ein zusammengebasteltes Fahrrad. Das schönste Erlebnis bei ihrer Konfirmation war für sie die Überraschung des Pfarrers nach dem Fototermin in der Kirche. Er führte die Gruppe nach Singen in die Eisdiele, wo er viele Kugeln Eis spendierte. Eine Woche später gab es in einem weiteren Gottesdienst das Abendmahl mit echtem Wein. „Da hatten wir ein bisschen Angst, uns zu berauschen“, erzählt Rita Rau lachend. Sie hat ihre Konfirmation sehr ernst genommen. Die Kirche war ihr Zuhause und ist es bis heute geblieben. Die Konfirmation markierte auch den Eintritt ins Erwachsenenleben. Danach war die Schulzeit für die meisten vorbei, aber nicht die Freundschaft. Bis heute trifft sich ihr Jahrgang regelmäßig und gern.
„Expedition Hoffnung“
„Die Segnung war für mich der schönste Moment bei meiner Konfirmation in Böhringen,“ erzählt Luca-Marie Grünzig aus Radolfzell. Der Termin war im Coronajahr 2020 vom Frühjahr auf den Herbst verschoben worden und die 24 Konfirmandinnen und Konfirmanden wurden auf zwei Samstags- und zwei Sonntagstermine aufgeteilt. Ihren Konfirmationsspruch aus Jesaja 40, 31 kannte die heute 16-Jährige vorher nicht. Er wurde ausgewählt von ihren jungen „Trainees“, die mit Pfarrer Markus Weimer die Gruppe betreuten, und ihr mit dem Segen zugesprochen. Sie fand ihn so passend: Der Adler wagt erste Flugversuche nach 80 Tagen - sie musste sich langsam an die Kirche herantasten, bis sie das Gefühl hatte, „dass Gott ihr Flügel verleiht“. Die Schülerin stammt aus einem nicht religiösen Elternhaus und ging vorher nur zu Weihnachten in die Kirche.
Die Einladung zum Konfirmandenunterricht nahm sie mit Vorbehalt und vielen Zweifeln an, auch weil sie niemand in der Gemeinde kannte. Das änderte sich schnell. Der Unterricht war „so abwechslungsreich“, es gab Outdooraktivitäten, um andere Gemeinden kennenzulernen, einen Sporttag, ein mehrtägiges „Konficamp“ im Schwarzwald. Themen wie „Gott als Vater und die Sache mit dem heiligen Geist“, fand sie spannend. „Im Konficamp beim Abendmahl war eine so krasse Atmosphäre, ich habe gespürt, dass Gott bei mir ist.“ Luca-Marie Grünzig fühlte sich plötzlich stärker, wagte ihre Meinung zu sagen, wurde offener anderen gegenüber.
Ihre Familie feierte die Konfirmation gerne mit, sie gingen zusammen in die Kirche und genossen die Flammkuchen im Restaurant. Geschenke gab es auch, viele Glückwünsche, ein „Konfialbum“ mit Erinnerungen an das Fest, ein bisschen Geld und eine Silberkette mit einem Ring, die sie täglich trägt.
Eine große Überraschung war das Motto der Konfirmation „Expedition Hoffnung“. Der Polarforscher Roald Amundsen spielte eine Rolle in der Dialogpredigt. Die Kirche war von den Trainees und einer Freiwilligen im Sozialen Jahr mit Eiszapfen und einem selbstgemalten Bild mit Pinguinen in der typischen Schneelandschaft geschmückt worden. Die Kleidung musste nicht zum Südpol passen, sollte aber festlich sein. Feierlich war der Einzug der Jugendlichen, flott die Bandmusik, Maske obligatorisch, außer auf dem Weg zum Altar, Abstand sowieso. Eine stressfreie Prüfung des Gelernten gab es eine Woche vor der Feier im Konfirmandenunterricht, das Abendmahl im kleinsten Kreis am Tag davor.
Von der Konfirmandin zur Betreuerin
Luca-Marie Grünzig bedauert, dass der Unterricht am Ende wegen des Lockdowns nur noch digital stattfand, genauso wie viele Gottesdienste. „Das war ein harter Cut.“ Jetzt betreut das junge Mädchen mit 15 anderen ihrer Gruppe selbst Konfirmandinnen und Konfirmanden. Dazu motiviert hat sie ihr Pfarrer, der für jede und jeden ein offenes Ohr habe und ihre Vorschläge ernst nehme. „Das ist echt schön.“ Ihr Bild von altmodischer Kirche hat sich gewandelt. „Mein Glaube hat mich schon durch viele Höhen und Tiefen getragen.“ Jetzt betet sie regelmäßig auch für andere, singt gern Worship-Lieder und weiß eins genau: “Ich will Kirche mitgestalten.“
