Gotteshaus auf dem Wasser: unterwegs mit dem Kirchenschiff

Beratung & Seelsorge & Diakonie
Am Bug hat sie ein großes blaues Kreuz, auf ihrer Fahne flattern Anker und Kreuz mit: die „Wichern“. Sie ist das einzige Kirchenschiff im süddeutschen Raum. Ihre Fracht ist leicht und doch gewichtig. Denn sie transportiert ein Angebot für Begegnung und Seelsorge.
Zwölf Meter misst sie, zwölf Tonnen bringt sie auf die Waage und ist mit maximal elf Knoten unterwegs. Gebaut in der Schiffswerft Ebert in Neckarsteinach ist die „Wichern“ seit 1962 in Deutschlands zweitgrößtem Binnenhafen Mannheim/Ludwigshafen im Einsatz. Sie ist unterwegs zu den Schiffern und ihren Familien, zu Trauungen und Taufen, zu Gesprächen von Bord zu Bord. Gespräche über Gott und die Welt, mit Menschen in einer oft übersehenen Arbeitswelt, über Sorgen, wenn wegen Hochwassers auf der Wasserstraße gar nichts mehr geht oder während Corona der Markt sich radikal änderte.
Als Pfarrerin Anne Ressel 2015 ihren Dienst mit einem halben Deputat als Schifferseelsorgerin antrat, machte sie zuallererst ihren Bootsführerschein und den Funkerschein. Denn mit den Binnenschiffern spricht man lieber nicht vom Land aus, sondern vom Wasser her. Dazu braucht es ein Schiff. Gemeinsam mit einem bootsbegeisterten Team von mehr als 20 Ehrenamtlichen ist Schifferseelsorgerin Ressel mit der „Johann Hinrich Wichern“ regelmäßig in den Häfen von Mannheim und Ludwigshafen unterwegs, lädt zu Gottesdiensten ein und bietet für Interessierte Gruppenfahrten an. Das Team sorgt auch für die regelmäßige Pflege des Schiffs: den großen Jahresputz, das Streichen des Schiffrumpfes und das Abkratzen festgesetzter Muscheln in der Werft.
Ein Gotteshaus auf dem Wasser. Für Menschen auf dem Fluss und in der Stadt

Quelle: ekma
Unterwegs zu den Menschen
Mindestens zwei Mal die Woche ist die Schifferseelsorgerin mit Ehrenamtlichen unterwegs in den Häfen. „Dieser Dienst ist ziemlich einzigartig“, sagt Anne Ressel, „denn es gibt in Deutschland nur noch drei Schifferseelsorge-Einrichtungen mit Schiff und Seelsorgenden, die für die Binnenschiffer da sind, die mit ihrer Fracht in ganz Deutschland und Europa unterwegs sind. Wir wollen als Kirche für die Menschen da sein, wo sie sind. Deshalb kommen wir zu ihnen ans Boot.“ Manchmal bleibt es bei einem freundlichen Smalltalk von Schiff zu Schiff. Es gibt aber auch Einladungen an Bord, wo sich dann andere Gespräche und oft auch Seelsorgesituationen entwickeln. „Wir sind unterwegs zu den Menschen“, erläutert Anne Ressel.
Die „Wichern“ ist nach Johann Hinrich Wichern benannt, dem Urvater der modernen Diakonie, auf den die Schifferseelsorge zurückgeht. 1870 forderte er Seelsorge für Flussschiffer, verbunden mit dem bis heute gültigen Motto: „Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen können, muss die Kirche zu den Menschen gehen.“
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