"Erstens kommt es anders..."

Glas mit Erdbeermarmelade und weiteren Erdbeeren

Thomas Weiß

Wenn es anders kommt als man denkt, muss das nicht immer negativ sein.

Erdbeeren haben lustige Namen. Da gibt es „Darlibelle“ und „Elvira“, „Fiesta“ und „Mars“ (hört sich trocken an) und „Pandora“ (wie kann ein Mensch eine Erdbeere bloß „Pandora“ nennen?). „Senga Sengana“ klingt afrikanisch (so nach „Serengeti“, finde ich) und „Serenata“ nach abendlichem Genuss unter südlicheren Sternen. „Polka“ kommt etwas hemdsärmelig daher und „Mieze Schindler“ irgendwie zweideutig. Aber wie auch immer: Ob sie nun „Rosella“, „Franzisca“, „Tango“ oder „Bossa Nova“ („Lambada“ gibt’s auch, aber der zählt nicht zu den klassischen Lateinamerikanern, oder?) heißen ... es gibt Jahre, da ist die Erdbeerernte ein Flop.
Dieses Jahr vielleicht nicht, aber das weißt du erst am Ende der Saison.
 
Meine Familie und ich verlassen uns immer auf gute Ernten. Wir sind allesamt Erdbeerliebhaber und planen regelmäßig mit üppigem Ertrag. Und kochen dann diese köstlichste aller Erdbeermarmeladen ein (um ehrlich zu sein: meine Frau kocht, ich bin nur als Handlanger zu gebrauchen), die für ein Jahr reichen muss, bis zum nächsten Gang übers Feld (die Guten ins Töpfchen, die Besten ins Kröpfchen!). Manchmal ist es aber ein Totalausfall, die Früchte sind verregnet, stehen noch im Wasser, kriegen kein bisschen Farbe. Wir (also meine Frau ...) werden dann trotzig trotzdem einkochen, aber die Ausbeute wird gering. Tja, so ist das mit den Plänen: Denn erstens kommt es anders, und zweitens als du denkst.
 
Da könnt ich mich ja nun ein ganzes Jahr lang ärgern, über ausgefallene Ernten und etwas unaromatischeres „Gselz“, aber ich lasse es bleiben. Denn – und das
finde ich erheiternd und hoffnungsvoll – dass es anders kommt, als ich denke, das gilt auch im besten Fall: Es kann auch anders kommen, als ich fürchte! Das Leben
ist für viele Überraschungen gut – auch für positive!
 
Es passiert schon manchmal (und Sie kennen das sicher auch): Da igle ich mich ein in meine Missstimmung, da verharre ich in meinem Schmerz und schicke mich drein, dass ich vom Glückskuchen gar nichts abkomme oder bloß das kleinste Stück. Dabei könnt es ganz anders sein, dabei mag doch schon hinter der nächsten Ecke ein Lachen warten, ein alltägliches, kitzliges Glück, eine feine Überraschung, die mich aus der Lethargie reißt. Wenn ich mich nur auftue dafür, wenn ich mich nur überraschen lassen will. Denn erstens kommt es besser, und zweitens als du dem Leben zutraust. Oder Gott zutraust. Der will nämlich, dass wir zu schmunzeln und zu lachen haben und dass wir zufrieden sind und getrost. „Leben in Fülle“ hat Jesus einmal gesagt.
 
Verlassen Sie sich drauf: Da steht Ihnen noch viel Schönes bevor! Ich will mich dran erinnern, bei jedem Löffelchen Erdbeermarmelade (auf Dick-Butter-Brot oder mit Quark!), und halte die Augen auf. Manchmal braucht‘s gute Augen und Geduld, um zwischen den schwarzen Rauchwolken (des Krieges) oder auf dem dürren Land (der Herzlosigkeit) ein Früchtchen zu finden. Aber verheißen ist es. Ich versuche das. Sie auch?
 
 
  

Thomas Weiß

Kirchenrat i. R.

Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
 

Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung