Schlafen Sie gut!

Bett, Füße unter Bettdecke

Axel Ebert

 
Warum wir den Schlaf nicht nur für unsere Gesundheit brauchen

 
Am 21.Juni war Sommersonnenwende. Der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres. Und weil es die kürzeste Nacht ist, wurde dieser Tag auch zum „Gedenktag des Schlafes“ ausgerufen. Eine Anregung einmal über den Schlaf nachzudenken. 
 
Ich finde: Schlafen ist etwas Wunderbares. Abends so richtig müde und erfüllt vom Tag in weiche Kissen zu sinken, ist ein Geschenk Gottes. Wer an Schlaflosigkeit leidet, wegen einer Krankheit oder vor lauter Sorgen nicht schlafen kann, der weiß den Schlaf besonders zu schätzen. Doch schlafen kann man nicht nur im Bett. Auch vor dem Fernseher schläft es sich während manch ermüdender Talkshow am Abend gut. Noch besser im Strandkorb oder in der Hängematte im heimischen Garten. Ich bin auch schon mal in der S-Bahn eingeschlafen morgens auf dem Weg zum Oberkirchenrat und musste dann drei Haltestellen wieder zurückfahren. 
 
An anderen Orten sollte man nicht schlafen: Hinter dem Steuer zum Beispiel. Schon ein Sekundenschlaf ist hier bei Tempo 120 fatal. Und zumindest umstritten ist der Kirchenschlaf. Kirchenordnungen des 17.Jahrhunderts regelten, dass nicht zu lange gepredigt werde dürfe aus Rücksicht auf die hart arbeitende Landbevölkerung. Die könne sonst leicht einschlafen. Das „Windsheimer Konfessionsbild“ von 1601 zeigt solch einen Fall.  In der vordersten Reihe ist auf dem Notsitz eine Dame eingeschlafen und das Gesangbuch ist ihr aus der Hand gefallen. 
Es gab sogar Kirchenordnungen, die regelten, wie man mit Kirchenschläfern umgehen solle. Wenn einer eingeschlafen sei, so sollen ihn diejenigen, die rechts und links neben dem Schläfer in der Bank sitzen, ihn wieder aufwecken. Und wer in Gefahr steht, im Gottesdienst leicht einzuschlafen, dem wird geraten: „Damit sich aber eines des Schlafes desto besser enthalten könne, soll derselbe, den der Schlaf ankommen will, sich aufrichten und der Predigt stehend zuhören.“ Was diese Kirchenordnung gleichzeitig über die Qualität mancher Predigt aussagt, wäre nochmals ein neues Thema. Aber offenbar ist das nichts Neues, wo doch schon die Apostelgeschichte der Bibel erzählt, dass während einer Predigt des Paulus Menschen eingeschlafen und dabei sogar aus dem Fenster gekippt sind. 
 
Doch auch wenn nicht jeder Ort und jede Situation günstig zum Schlafen ist, der Schlaf ist etwas Wundervolles. Auch wenn er nicht bei allen Menschen die gleiche Hochachtung genießt. So mancher empfindet Schlaf als verlorene Zeit, arbeitet bis tief in die Nacht, lässt sich schon früh vom Wecker aus dem Schlaf reißen, um möglichst bald das Tagewerk wieder aufzunehmen. Ich kenne Landstriche und Orte, in denen die Menschen morgens misstrauisch nach ihren Nachbarn schauen, wenn die um 8.00 Uhr immer noch ihre Fenster verdunkelt haben. „Habe die nix zu schaffe?“ Schließlich gilt die Regel: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ – Übrigens bei uns in der Küche hängt eine Karte mit dem Spruch: „Der frühe Vogel kann mich mal“… 
 
Auch wenn nicht jeder ein Loblied auf den Schlaf singen mag, ist der Schlaf in der Bibel hoch angesehen. Das fängt gleich am Anfang an. Als Gott den Menschen schuf, da lässt er Adam in einen tiefen Schlaf fallen, um dann aus seiner Rippe Eva zu erschaffen. Man stelle sich vor, Adam hätte nicht geschlafen: wir Männer wären allein auf der Welt. Wie traurig wäre das! Und dann: Viele bekannte Frauen und Männer aus der Bibel haben Gott im Schlaf reden gehört. 
Der bekannteste ist vielleicht Josef, der Mann von Maria. Als Jesus geboren wurde, hat Gott drei Mal zu Josef im Schlaf gesprochen: Er solle seine schwangere Verlobte nicht verlassen. Er solle nach der Geburt mit ihr und dem Kind nach Ägypten fliehen. Und später hat Josef im Schlaf erfahren, dass er wieder in seine Heimat zurückkehren kann. Hätte Josef nicht geschlafen, die Geschichte mit Jesus wäre vielleicht schon am Anfang ganz anders verlaufen. 
 
Auch Jesus hatte offenbar einen guten Schlaf. Er konnte in einem Fischerboot mitten in einem Sturm auf dem See Genezareth tief und fest schlafen. So tief, dass seine Jünger ihn voller Panik aufwecken mussten. In Markus 4 heißt es: „Seine Jünger weckten ihn und riefen: Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?“ Jesus brachte den Sturm dann zum Schweigen und fragte seine Jünger: „Wo ist euer Glaube?“ (Markus 4,41) 
 
Diese Episode zeigt noch eine andere Dimension des Schlafes. Schlafen hat nicht nur mit Gesundheit zu tun, sondern auch mit dem Glauben. Denn Schlafen heißt loslassen. Ich muss alles loslassen. Den Tag. Die Begegnungen. Die Aktivitäten. Was gelungen ist und was nicht. Was mir Sorgen macht und mich ärgert. Mich selbst loslassen und alle Kontrolle über mich und mein Leben für einige Zeit aufgeben. 
Loslassen ist eine Kunst des Vertrauens. Vertraue ich, dass ich auch im Loslassen noch gehalten bin? Glaube ich, dass ein anderer mein Leben weiter trägt und führt, wenn ich im Schlaf die Kontrolle abgebe? 
Jesus war so überzeugt, in der Hand seines Vaters im Himmel zu sein, dass er mitten im Sturm schlafen konnte. 
Wer nicht schlafen kann, möge sich mal fragen, ob er vertrauen kann. 
 
Schlafen ist also auch eine geistliche Disziplin. Im Schlafen wird deutlich, dass wir glauben und vertrauen, dass das Entscheidende für unser Leben von Gott kommt, nicht von uns selbst. Dass mein Leben von ihm abhängig ist – nicht von mir und schon gar nicht von meinen Leistungen und meinem Kontrollwahn. Schlafen ist Vertrauen. Und Vertrauen ist Glauben.
 
Zu meinen liebsten Bibelworten gehört ein Vers aus dem Psalm 127. Da steht: „Der Herr gibt’s den Seinen im Schlaf“. Während ich schlafe, kann es also sein, dass Gott mich beschenkt. Vielleicht mit einem guten Traum. Vielleicht sogar mit etwas, das er mir sagen oder zeigen will. Ganz bestimmt aber beschenkt er mich mit Erholung. 
Wörtlich heißt der Vers aus Psalm 127: „Seinen Geliebten gibt der Herr Schlaf“. Wie wunderbar ist das! Wir sind Geliebte Gottes. Und er beschenkt uns mit Schlaf. 
Schlafen Sie gut und behütet – nicht nur in der kürzesten Nacht des Jahres.