Pfirsiche, Erdbeeren oder Mirabellen – das weiß ich nicht immer so genau. Klar ist’s bei den Beilagen – Nudeln oder Reis allemal vor Kartoffeln! Die bayerischen Biere ziehe ich (tut mir leid) den badischen vor, und die französischen Weine den deutschen (aber ich bin kein Sommelier – da spricht ein Blinder von der Farbe). Am besten war der Nusskuchen meiner Oma und ist der Gugelhupf meiner Frau. Schokolade mag ich (feinherb), Espresso (aber frisch gemahlen); und überhaupt und ganz und gar nicht: Gummibärchen (da schüttelt’s mich). Sauerkraut mochte ich noch nie, Hühnchen schon – ich bin also kein Vegetarier, auch, weil ihr mich mit Hummus jagen könnt …
So ist’s halt mit dem Geschmack. Ich hab meinen eigenen, Sie haben Ihren, andere haben einen schwer nachvollziehbaren, wieder andere offensichtlich einen erlesenen (oder gar keinen, zum Beispiel in Kleiderfragen oder bei Wohnzimmerinneneinrichtungen und Auslegeware – gibt’s auch). Gewiss: Über Geschmack lässt sich streiten – zu streiten ist aber müßig, weil wir uns in Geschmacksfragen in der Regel doch nicht einigen. Da wird jede und jeder nach ihrer Façon oder seinem Gusto glücklich.
Mit einer Ausnahme: Gott. Er ist in Geschmacksfragen doch ziemlich rigide. Er hat recht eindeutige Vorstellungen, was denn, wenn es um ihn selbst geht, ein guter Geschmack sei. „Schmeckt und seht, wie freundlich Gott ist“ – heißt es im 34. Psalm; da ist die Tendenz ja eindeutig. Wenn es um Gott geht, sollen wir Freundlichkeit schmecken. Gut, dass er selbst dafür sorgt. Er gibt, was wir zum Leben brauchen, und weit, weit mehr: Farben, Schönheit, Töne und Worte, Trost und Düfte, Hoffnung und Brot. Er gibt freundlich und großzügig.
Tut er das? Es sieht nicht immer danach aus. Darum ist es wohl der Auftrag derer, denen die freundlichen Gaben zugesagt sind, dafür zu sorgen, dass alle Menschen es schmecken und erfahren können. Dort, wo das Leben bitter auf der Zunge liegt, wo die Kost allzu schmal ist und die Tage grau sind, da ist’s an uns, etwas spürbar (schmackhaft, hörbar, ersichtlich, fühlbar) zu machen von der Freundlichkeit Gottes.
Auch, weil Gott so freundlich ist, uns einen Geschmack ganz und gar zu verwehren: „Die werden den Tod nicht schmecken!“ sagt Jesus einmal von denen, die ihre Hoffnung auf Gott setzen.
Ich hab eine Vorstellung davon, wie der Tod schmeckt: nach vergossenem Blut, nach Wundbrand, Asche und Staub, bitter schmeckt er und macht die Kehle trocken, ein metallener, irdener, fauliger Geschmack. Da ist nichts, was dem Gaumen schmeichelt, was auf der Zunge zergeht.
Gott aber verspricht, dass selbst der Tod nach Leben schmeckt. Ich denke mir: nach frischen Kräutern und reifen Beeren, nach saftigem Apfelschnitz und röschem Brot, nach einem köstlichen Schluck Wein und einem Trunk aus der Quelle. Und da lässt Gott nicht über Geschmack mit sich streiten, die Zukunft, die er für uns vorgesehen hat, ist ein lebendige. Dass wir leben, durch Dunkel und Tod hindurch, das ist ganz nach seinem Geschmack.
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung