Feuriger Elias

orange Straßenbahn, Schienen

Jörg Hirsch

Was die Bibel mit dem Namen eines öffentlichen Verkehrsmittels zu tun hat 

OEG ist die Abkürzung für Oberrheinische Eisenbahngesellschaft. Züge der OEG fahren von Mannheim nach Weinheim. Ab da führt die Strecke an der Bergstraße entlang über Schriesheim nach Heidelberg. Von dort geht es weiter über Edingen und Seckenheim zurück an den Mannheimer Ausgangspunkt. So läuft das den ganzen Tag. Immer im Kreis. Und das in beiden Richtungen. 
 
Der öffentliche Nahverkehr verdient nicht nur Kritik. Lang lebe die OEG! Sie lebt in der Tat bereits sehr lange. Ältere Fahrgäste erinnern sich an Zeiten, als die Strecke noch nicht elektrifiziert war. Dampfloks zogen die Waggons. Weil die verheizten Briketts die Funken stieben ließen, sagte der Volksmund, wenn ein Zug anrückte: „Da kommt der feurige Elias.“ Da die Zugstrecke nahe an den Höfen und Bauernhäusern vorbeiführte, sprachen manche auch vom „Entenköpfer.“ 
 
„Feuriger Elias“ zu einer solchen Zugmaschine zu sagen, war nicht allein in der Kurpfalz gebräuchlich. An anderen Orten, an denen derartige Eisenrösser verkehrten, nannte man sie ebenso. Biblisches Wissen konnte vorausgesetzt werden. War doch der Prophet Elia mit einem feurigen Wagen in den Himmel aufgefahren, wie im 1. Buch der Könige zu lesen ist. 
Alles andere hätte zu diesem Propheten auch nicht gepasst. Daheim im Bett sanft entschlummern? Niemals! In einem bescheidenen Gefährt in obere Sphären entschweben? Zu schlicht! Für einen, der Hunderte von Baalspriestern niederrang (wobei „niederringen“ eine arge Beschönigung darstellt), braucht es einen theatralischen Abgang. Hatte Elia nicht auf dem Horeb beim Wettstreit der göttlichen Mächte bewirkt, dass ein nasser Holzhaufen lichterloh brannte? Sogar der mit Wasser gefüllte Graben, der um den Scheiterhaufen führte, wurde von Flammen verzehrt. Dass so einer auf einem Feuerwagen diese Welt verlässt, geht gar nicht anders. 
 
Wodurch mag Richard Wagner angeregt worden sein für das Ende seiner Götterdämmerung? Vielleicht nicht allein durch germanische Sagen. Indem der erwähnte Volksmund auf die Bibel zurückgriff, zeigt sich, was für einen Schatz an Bildern und Sprachbildern die Heilige Schrift enthält. 
 
Verkehrsmittel verändern sich. Motoren werden neu angetrieben. Aber diese Quelle hat Bestand: Namensquelle, Inspirationsquelle, Offenbarungsquelle. Himmel und Erde werden vergehen, Verbrennungsmotoren auch, das Wort Gottes bleibt. Feurigen Eliasse gibt es nicht mehr, dafür transportieren leise und bequeme Züge die Passagiere wie ein „Mose-Schiffchen“ oder der „Kämmerer-Karren“ des Äthiopiers.