Widerstand und Ergebung

Martina Steinbrecher
Verhaltenslehre am Frühstückstisch
Manchmal drücken sich in ganz trivialen Begebenheiten tiefe Wahrheiten aus. So wie neulich bei uns am Frühstückstisch. Da hatte ich mich gerade mit einem großen Milchkaffee auf die Terrasse gesetzt und die Zeitung aufgeschlagen. Aber schon nach wenigen Zeilen kam die Sonne über den Tisch gekrochen, und schlagartig wurde es unerträglich heiß. Also habe ich mich kurz nacheinander zwei Mal umgesetzt, immer dorthin, wohin die Sonne noch nicht vorgedrungen war.
Als mein Mann mit einer Tüte frischer Brötchen aufgetaucht ist, hat er zunächst mal den Sonnenschirm aufgespannt und so justiert, dass der ganze Tisch im Schatten lag. Da musste ich lachen. Denn wir zwei hatten gerade ein Paradebeispiel dafür geliefert, wie unterschiedlich wir im Alltag mit auftretenden Problemen umgehen. Ich passe mich in der Regel sich verändernden Umständen schnell und mühelos an, während mein Mann lieber tatkräftig in widrige Umstände eingreift und seine Umgebung nachhaltig verändern will.
Beide Verhaltensweisen sind nützlich. So kann Anpassung überlebensnotwendig sein. Das lehrt die Evolutionsgeschichte der Menschheit. Und der homo sapiens ist ein Wesen, das zu enormen Anpassungsleistungen fähig ist. Aber wenn sich alle Menschen immer nur angepasst hätten, hätte es niemals einen gesellschaftlichen Fortschritt gegeben.
Im Leben von Jesus entdecke ich beides: Widerstand und Ergebung. So hat er an unsinnigen Gesetzen scharfe Kritik geübt und sie vor aller Augen gebrochen. Mindestens einmal ist er dabei sogar handgreiflich geworden, als er die Händler aus den Vorhöfen des Tempels verjagt hat, weil er einen Ort des Gebets in eine Konsumhöhle verwandelt sah. Aber an einem entscheidenden Punkt in seiner Lebensgeschichte hat er eingewilligt in einen Weg, der für ihn äußerst schmerzhaft war und an dessen Ende sein Tod stand. Und sich ergeben in einen Willen, den er als größer angesehen hat als den, um jeden Preis zu überleben.
Und so glaube ich auch, dass es beides braucht: Widerstandskraft, um aufzubegehren gegen ungerechte Verhältnisse und die Fähigkeit sich zu ergeben, wenn man spürt, dass man mit Empörung nicht weiterkommt.
Oder Menschen, die das eine wie das andere in uns stärken. Mein Mann und ich: Wir sind ein gutes Team.