Von der Schönheit

Bank an Wanderweg mit Blick auf die Berge

Thomas Weiß

Anregungen vom Verschönerungsverein

„Die Uschi grüßt den Gerd!“ steht auf einer, auf einer anderen – dankbar und bedächtig – „Zum 25.-jährigen Jubiläum“ (ob Ehe oder Verein wird aber nicht offenbart). „Schau in die Weite, wachs in die Tiefe“ hab ich auf einer gelesen, und auf noch einer „Für’d Buam“. Das verrät schon, wo ich mich befinde. Oder befand: Im Urlaub, in Oberbayern, in der Murnauer Gegend, dem „Blauen Land“. Und zu lesen waren diese Botschaften auf den Rückenlehnen neuer und sehr alter, schon verwitterter Sitzgelegenheiten, auf Bänken, die schier überall aufgestellt waren: im Murnauer Moos, am Staffelsee, beim Münter-Haus (wo mich die Malerei Gabriele Münters sehr fasziniert hat).
 
Allein im Moos müssen es dreißig oder mehr gewesen sein – ein rücksichtsvoller Dienst an müden Wanderern, fußlahmen Städterinnen oder Menschen, die einfach verweilen oder schauen möchten. Auf jeder Bank steht auch, wer sie gestiftet hat. Als ich es las, hat es mich schmunzeln und sehr nachdenklich gemacht: der „Verschönerungsverein Murnau e.V.“, jetzt immerhin 153 Jahre alt. Und der Verein stellt nicht nur Bänke auf, er sät Blumenwiesen ein, pflegt die Lourdesgrotte, hat einen „Glashüttenrundweg“ erschlossen. 
Mich beeindruckt das sehr; und mir gefällt der Name des Vereins: Verschönerungsverein. 
 
Solch ein Engagement können wir doch wirklich brauchen, bei so viel Hässlichkeit, so viel Grau in Grau und fürchterlichem Lärm in der Welt (und in uns drin manchmal auch). Da tut Verschönerung not, Seelenverschönerung. Oder dass jemand die arg verblassten Tage wieder zum Leuchten bringt, dass ein Licht durch die Wolken aus Rauch und Hoffnungslosigkeit bricht und ein paar bunte Blüten aufgehen in den verschütteten, verdorbenen Gärten und Städten. Ich sehne mich nach Verschönerung.
Und hab sie zu einem guten Teil doch selbst in der Hand. Ich müsst‘s wohl nur machen wie die oberbayerischen Verschönerer, die Murnauer Ästhetinnen: Ich müsste mich einfach nur engagieren. 
 
Reizvoll, der Gedanke, die Kirche sei so etwas wie ein Verschönerungsverein, nicht auf Geltung aus oder auf die Bewahrung des Althergebrachten, sondern schlicht und mitreißend: auf Schönheit, den Menschen zugute. Damit sie sich ausruhen können am Wegesrand, damit sie etwas rasten können und sich ihre Augen auftun für das Lebendige, Strahlende jenseits von Staub und Lärm.
Schön wär’s, oder? Was hindert mich eigentlich? Darüber denk ich jetzt mal nach, während ich hier sitze, auf der Bank des Verschönerungsvereins (auf der Rückenlehne steht: „Dass sein Antlitz schön werde! Psalm 104“); ich gehe in mich, schau mich um und staune. Das ist ein Anfang.