Ein anderes Wachstum

Hand mit kleiner grüner Pflanze

Thomas Weiß

Statt schneller-höher-weiter lieber in die Tiefe wachsen

Beim Check-up bin ich gewesen – das soll der Mensch ja tun, damit er (und sein Hausarzt) weiß, ob die alten Knochen noch rhythmisch klappern, ob die schon reichlich gegerbte Haut den „Madensack“ (Zitat Luther) noch zusammenhält und alles, was dazwischen ist: das angebrochene Herz, die sauren Nierchen und die Läuseleber. Die zugewandte Mitarbeiterin in der Praxis nahm zuvor noch meine Daten auf: Alter, Gewicht (sah ich da ein Zucken an der Augenbraue?), Größe. „Einsfünfundsiebzig?“ fragte sie, und: „Ist es dabei geblieben?“. Eine lustige Frage, fand ich, und meinte: „Naja, ich glaube nicht, dass ich in meinem Alter noch wachse“. Und sie so: „Vielleicht wachsen Sie ja langsam nach unten.“
 
Ich war verblüfft … und bin immer noch begeistert von diesem Gedanken! Eigentlich machen’s uns die Bäume, Gräser und diversen Pflanzenarten ja vor, dass in die Tiefe zu wachsen, Wurzelwerk und Knollen in die unteren Stockwerke zu strecken nicht die Schlechteste der Ideen ist. Aber der Mensch (also ich wenigstens) ist ja auf Schneller-Höher-Weiter-Leistungen getrimmt, reckt sich und streckt sich nach oben, himmelwärts, und hält die Beugehaft und den Kriechgang nicht lange aus. Zurecht! Aber nicht alles, was nicht hoch, sondern runter geht, ist schon Minuswachstum! Da ist was dran am „In-die-Tiefe-Wachsen“. 
 
Zum einen, glaube ich, macht es aufmerksam für die Dinge und Ereignisse, die unter oder hinter mir liegen, für die Stufen und Schwellen, über die ich geschritten bin; für das, woher ich komme, was ich erfahren und durchlebt habe und was mir – mag sein – den Rücken beugt und den Gang schwerfällig macht … und doch gerade das ist es, was mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Ist das, was die Lebenslust reifer und die Hoffnungen begründeter werden ließ.
 
Und ich erinnere mich zum anderen an den weisen Satz beim Propheten Jeremia: „Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark“. In der Stille lausche ich hin, im Hoffen nehme ich in Anspruch, was mich trägt, oder besser: wer mich trägt. Das ist so eine Lebenserfahrung, die ich auf dem Buckel habe: Unter mir, da ist’s nicht leer, da ist nicht nichts und niemand, ich geh nicht völlig losgelöst und steh nicht auf verlorenem Posten. Nein, ich bin fest gegründet, in Gottes Hand, auf seinen Schultern, von seiner Liebe getragen. Das ist mir nicht verfügbar, so wenig, wie nach oben oder nach unten zu wachsen in meiner Hand liegt – aber das ist auch das Gute daran. Gott trägt mich und trägt Verantwortung für mich, ich kanns geschehen lassen. Und fröhlich ausschreiten oder geborgen ausruhen und durchatmen. Egal, ob ich inzwischen zwei, drei Zentimeter kleiner geworden bin oder noch über meine Scheitelhöhe wachse. Im 92. Psalm singt (der damals vielleicht auch schon ein wenig in die Tiefe gewachsene) David einmal: „Gott, wie sind deine Werke so groß; deine Gedanken sind sehr tief.“ Auf diese Gottestiefe lasse ich mich gerne ein.
(Übrigens: War alles in Ordnung beim Check-up, danke der Nachfrage …)