Offen geht

Tisch mit Geschirr und Gläsern

Marcel Brenner

Wäre unsere Welt besser, wenn wir öfter miteinander essen würden?

Essen, das ist Kultur. Wir gehören unter anderem dadurch zu einer Gruppe, dass wir eine gemeinsame Esskultur pflegen, mit gemeinsamen Regeln – ob diese nun religiös motiviert sind oder einfach einem bestimmten Wertekanon folgen. Der Mensch ist, was er isst.
 
In der Bibel wird von der Begegnung zwischen Petrus und Cornelius erzählt (Apostelgesichte 10). Petrus ist Christ aus der jüdischen Kultur. Er hält sich in seinen religiösen Praktiken noch an die jüdischen Regeln, auch an Speisevorschriften.
Er wird von Cornelius, einem Hauptmann, eingeladen. Eigentlich darf Petrus als Jude nicht mit dem fremden, griechischen Cornelius gemeinsam essen. Das verbietet seine Kultur. Aber Gott lässt ihn eine Vision sehen, in der es darum geht, dass Gott alles geschaffen hat und weil er alles geschaffen hat, ist alles gut und nichts unrein. Und deshalb sagt Gott: Geh und triff dich mit Cornelius. Sei offen dafür. Ja, und ein offener Petrus geht und lernt Cornelius kennen. Beide setzen sich an einen gemeinsamen Tisch, essen miteinander und erzählen sich ihre Geschichten.
 
Zwei Fremde begegnen sich. Auch zwei unterschiedlichen Kulturen. Aber sie sitzen an einem gemeinsamen Tisch. Cornelius erzählt, wie er betet. Er bittet Gott um Frieden in der Welt, weil er als Hauptmann weiß, dass Krieg keine Gewinner kennt. Krieg führt nur zu Flucht, gezwungener Migration, Leid, Hunger, Hass.
Petrus hört ihm zu und kann ihn gut verstehen. Wer wünscht sich nicht eine Welt voll von Gottes Frieden? Wer wünscht sich nicht diplomatische Lösungen zwischen den Kulturen?
 
Vielleicht wäre unsere Welt besser, wenn wir öfter miteinander essen würden – und zwar gerade weil beim Essen verschiedene Überzeugungen aufeinanderprallen. Vielleicht sitzt dort jemand, der geflüchtet ist neben einer Person, die sehr in ihrer eigenen Blase lebt. Vielleicht hören die beiden einander zu, wenn sie ihre Lebensgeschichten und Erfahrungen teilen. Die beiden würden die Welt ganz anders sehen und sich besser verstehen. Das ein oder andere würde überdacht. Wenn sie offen sind, dann geht die interkulturelle Begegnung.
 
Letztens erzählte mir jemand: „Es macht mir gar keine richtige Freude mehr, Freunde zum Essen einzuladen. Man weiß ja gar nicht mehr, was man kochen soll. Es ist so kompliziert geworden, wer was isst, und was nicht isst.“ Ich weiß, dass es anstrengend sein kann, allen Bedürfnissen gerecht zu werden. Aber es ist dennoch möglich, alle an einen Tisch zu bringen. Und dort kann man sich auch unterhalten:
Genau über die Fragen, warum jemand etwas nicht essen kann oder nicht essen will. Vielleicht kommen wir dann auch über andere Fragen ins Gespräch: Was uns nämlich so unterschiedlich macht, was uns aber vor allem zusammenbringen kann. Wir können uns darüber unterhalten, wer die Drahtzieher sind, die Menschen zum Schweigen bringen wollen, die Frauen die Stimme nehmen und die angeben wollen, was die Leitkultur sein soll.
 
Und dann kommen wir zu den Fragen, was wir dagegen tun können, wie wir einander unterstützen in unseren Anliegen. Was wir tun können, damit Frauen in aller Welt die gleichen Rechte haben wie Männer. Was wir tun können, um allen Menschen Gehör zu verschaffen. Was wir tun können, damit es nicht die eine „richtige“ Kultur gibt, sondern Menschen mit verschiedenen Werten und Überzeugungen und Lebensweisen nicht nur nebeneinander, sondern miteinander leben können.
Als würden alle Menschen an einem Tisch sitzen und miteinander die verschiedensten Speisen teilen, weil wir so vieles gemeinsam haben, zum Beispiel Menschsein, Essen und beieinander sein. Offen geht!
 
  

Marcel Brenner

Pfarrer in Freiburg-Nord