Gnade

Sibylle Rolf
Was bedeutet Gnade? Eine Annäherung Buchstabe für Buchstabe
Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, heißt es im Epheserbrief (Epheser 2,8). Sola gratia, haben die Reformatoren uns ins Stammbuch geschrieben. Allein aus Gnade sieht Gott uns freundlich an. Aber was ist das: Gnade? Wir buchstabieren das Wort durch.
Mit G geht alles los.
G wie Gott. Mit Gott geht erst recht alles los. Gott wendet sich mir zu, sieht mich, die Welt und ihre Menschen freundlich an – einfach, weil Gott es so will. Nicht mit den Augen des Vorwurfs, sondern mit den Augen der Liebe, nicht mit Blick auf meine Defizite, sondern mitten in mein Herz – weil ich Gottes geliebtes Kind bin, Gottes Geschöpf, zum Leben und Lieben von Gott bestimmt. „Ein Gott heißt das“, sagt Luther, „von dem man alles Gute erwarten und Zuflucht in allen Nöten haben soll. So dass einen Gott haben nichts anderes ist als ihm von Herzen vertrauen und glauben.“ Ich brauche keinen anderen Halt, um mich festzumachen. Gott ist da. Das genügt.
G wie Gemeinschaft: ich bin nicht allein, ich habe Menschen, die mit mir unterwegs sind – Familie, Nachbar*innen, Freund*innen, die Gemeinde. Glaube will geteilt sein. Gnade auch. Sie wird erfahrbar, wenn Menschen zusammenkommen, sich vergessen und ihre alten Wege verlassen. Wenn Menschen neu beginnen, ganz neu – im Gottesdienst, aber auch im Alltag.
G wie Gebet: Ich kann Gott alles sagen, was auf meinem Herzen liegt, zugleich aber auch im Gebet alles erbitten, was ich brauche. „Beten“, sagt Luther, „das heißt, den Mantel weit ausbreiten und empfangen, was Gott gibt. Er hat ja schon alles für mich, was ich brauche!“
G wie Geistkraft, die uns verbindet und verändert. Gottes Geistkraft, Gottes Atem, der uns lebendig macht und uns ins Leben und in Bewegung ruft.
Und G – auf lateinisch ist die Gnade die Gratia. Grazie hat mit Gnade zu tun. Denn die Gnade richtet auf, lässt mich aufrecht leben und gehen, geerdet und zugleich „gehimmelt“.
Der zweite Buchstabe – das N.
Das N ist der zweithäufigste Buchstabe in der deutschen Sprache – nach dem E. Das N steht meist am Ende eines Wortes. Vielleicht ist es ein gewohnter Gedanke, die Gnade vom Ende her zu denken: wenn alles vollendet wird und die Gnade alles in allem ist. Aber das führt in die Irre. Nur vom Ende her gedacht, ist über die Gnade noch nicht alles gesagt.
Denn sie ist NEU, radikal NEU – dass Gott mit mir gnädig und freundlich umgeht! Gott schenkt einen Neubeginn, wo alles am Ende scheint, mitten im Leben. Solche Neubeginne brauchen wir dringend. In unserer Kirche, in unserer Welt. Vielleicht auch im ganz Persönlichen. Vielleicht muss ich mir selbst erst einmal gnädig sein. Das ist vielleicht auch etwas Neues. Ich will mitten im Leben auf Gottes Gnade setzen, und, weil ich mitten im Leben Gnade spüre, auch im Umgang mit mir und anderen gnädig sein.
Das wäre doch mal etwas Neues: Sich nicht wegen jeder Nichtigkeit in den Haaren liegen, den Neid auf die Erfolge anderer sein lassen, um das zu leben, was Jesus von Nazareth den Menschen auf neuartige Weise von seinem Vater erzählt hat.
Paulus hat geschrieben, dass der Glaube an Christus neu macht – zu neuen Menschen, die sich nicht den alten Regeln unterwerfen, die an das Leben glauben und nicht dem Tod dienen. Die auch ein kräftiges NEIN sagen, wenn Menschen ausgegrenzt oder benachteiligt werden.
Ecclesia semper reformanda, ist der Grundsatz der Reformatoren. Die Kirche muss sich reformieren, immer und immer wieder. Nicht nur bis 2032. Und nicht weil unsere finanziellen Mittel zur Neige gehen, sondern weil Gott neue Wege und Mittel sucht, sich in die Geschichte der Welt zu verwickeln. Manchmal muss ich mich dafür wohl auch in die Nesseln setzen.
A ist mittendrin in der „Gnade“. Wir sind mittendrin. Sie sind eingeladen, Wörter mit A zu suchen, die zur Gnade passen.
Nach A kommt D.
D – wie Demut. Wir sollen Menschen und nicht Gott sein, sagt Martin Luther. Oder vielmehr: Wir dürfen Menschen sein. Ich fange nicht bei mir selbst an. Gott rief mich ins Leben und wartet auf mich, wenn ich sterbe. D – wie Dürfen, die Freiheit eines Christenmenschen. Ich muss mir den Himmel nicht verdienen, denn er ist schon längst offen. Von Luther wird berichtet, wie er einem Bettler ein Almosen gab und dieser antwortete: Gott wird es dir vergelten. Luther soll gesagt haben: er hat mir doch schon längst alles geschenkt!
D – wie Dienst. Weil Gott alles für mich tut, habe ich die Hände frei und kann mich denen zuwenden, die mich brauchen. Gerade denen, die mir heute begegnen. Darum D wie Diakonie.
D – wie Dankbarkeit. Das Leben ist Geschenk. Was hast du, das du nicht empfangen hast?, schreibt Paulus. Das Wichtigste im Leben bekommst du geschenkt. Liebe, Vertrauen, Freundschaft. Musik und Schönheit. Dein Leben mit seinen guten und traurigen Tagen und der ganzen Fülle. Die Stille.
Und D wie Dennoch. Es gibt gnadenlose Zeiten und Orte. Wir erleben sie gerade in ganzer Härte. Dennoch daran festzuhalten, dass Gott mit seiner Welt Gutes im Sinn hat: das ist ein Vertrauen auf Gottes Gnade, das mich stärkt und tröstet.
Schließlich: das E.
E – wie Evangelium. Die gute Nachricht, dass Gott uns nahe ist und sich uns gezeigt hat im Leben von Jesus von Nazareth. Die gute Nachricht, dass mit Jesus etwas ganz Neues, etwas ganz Eigenes begonnen hat. Gott wird Kind; Gott lebt als Mensch, als Mann; Gott stirbt den Menschentod. Gott ist in diesem Tod dabei, damit kein Tod von jetzt an ohne Gott ist. Und Gott nimmt dem Tod die Macht.
E wie Engel. Engel gibt es in den biblischen Geschichten, in der Literatur und in der Kunst. Sie faszinieren mich, so unterschiedlich sie sind. Mal durchscheinend weiße Flügelwesen, mal waffengegürtete Streiter, mal einfache Männer und Frauen, mal Fremde. Mal kleine pausbäckige Wesen. Allen gemeinsam: Sie sind Gottesboten, Nachrichtensprecherinnen im Auftrag Gottes. Sie vermitteln Gottes Wort. Und begleiten Menschen auf ihrem Weg. Vielleicht sind sie heute nötiger denn je. In den ukrainischen Kriegsgebieten, im Jemen, auf dem Weg zwischen Syrien und der erhofften Freiheit, in unserer Kirche, in unserem Land, in unserem Zuhause. Luther soll gesagt haben. „Wo zwanzig Teufel sind, da sind auch hundert Engel. Wenn das nicht so wäre, dann wären wir schon längst zugrunde gegangen.“ Gott um seine Engel bitten – an den gnadenlosen Orten, an denen sie notwendig sind – das ist Glaube.
E wie ehrlich (sein). Als Christenmensch aufrichtig, ehrlich leben – das ist mir wichtig. Aber es fällt nicht leicht. Ehrlich sein fordert heraus. Im Umgang mit anderen, im Umgang mit mir selbst. Aber im ehrlichen Blick auf mich, auf die Nächsten liegt Freiheit. Unverstellt, nichts im Weg. Ich darf mir den ehrlichen Blick leisten. Denn schon längst bin ich so angeblickt, unverstellt, nichts im Weg – bin ich von Gott so angeblickt. Als sein geliebtes Kind.
Und schließlich E wie Ende. Wir haben versucht, die Gnade durchzubuchstabieren. An dieser Stelle sind wir ‚am Ende’. Aber seid beruhigt: Die Gnade Gottes verbraucht sich nicht, sie kommt nicht zum Ende – sie ist das Lebensgeschenk, das unendlich vorrätig bleibt.
Sibylle Rolf und Annekatrin Schwarz, Hausandacht im Evangelischen Oberkirchenrat am 25.10.2022 (die Idee verdankt sich einem Bezirksgottesdienst, den Sibylle Rolf, Annemarie Steinebrunner, Christine Wolf und Wibke Klomp 2017 vorbereitet und gefeiert haben).