Dem Volk aufs Maul geschaut

Statue Martin Luther mit Bibel

Glaube & Spiritualität

73 Tage waren nötig, um eine sprachliche Revolution in Gang zu bringen. Vor 500 Jahren übersetzte Martin Luther in dieser kurzen Zeit das Neue Testament ins Deutsche. Er ermöglichte damit vielen Menschen die Bibel zu lesen und zu verstehen, und schuf die Grundlage für eine einheitliche deutsche Sprache.

 
Anfang Mai 1521 ist Martin Luther auf dem Heimweg vom Reichstag in Worms. Dort hat man die Reichsacht über ihn verhängt. Seine Schriften sind nun verboten. Er selbst gilt als Ketzer. Wer ihn findet, kann ihn straffrei töten. So weit kommt es aber nicht. Kurfürst Friedrich von Sachsen lässt ihn heimlich auf die Wartburg bei Eisenach bringen. Unter dem falschen Namen „Junker Jörg“ und äußerlich verändert lebt er hier bis März 1522. An dem Ort, an dem 300 Jahre zuvor die Heilige Elisabeth so viel Gutes bewirkt hatte, beginnt Luther seine epochale Arbeit: die Übersetzung der Bibel ins Deutsche. 
 
Es war nicht die erste Übersetzung der Bibel ins Deutsche, aber die bedeutendste. Luther will allen Menschen den Zugang zum Wort Gottes ermöglichen. Deshalb orientiert er sich bewusst an der Alltagssprache der Menschen. Er versucht sich auszudrücken „wie die Kinder auf der Gasse, wie der Mann auf dem Markt, wie die Mutter im Hause“.  Später wird er seine Art des Übersetzens selbst mit dem Ausspruch „dem Volk aufs Maul geschaut“ charakterisieren. Jede und jeder soll selbst lesen können, was in den biblischen Schriften steht. Heute erscheint uns das selbstverständlich, damals war es eine revolutionäre Forderung.  
 
Blick in Lutherstube auf Holztisch und Porträt von Martin Luther
Wer die Wartburg besucht, kann auch heute noch einen Blick in die „Lutherstube“ werfen. In dieser holzvertäfelten Stube, ausgestattet mit einem grünen Kachelofen und einem massiven Holztisch, übersetzt Martin Luther die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die 21 Briefe an christliche Gemeinden und die Offenbarung des Johannes ab Dezember 1521 in Rekordzeit. Luthers schriftstellerisches Talent, seine Sprachgewalt und sein Gespür für den Sprachrhythmus machen seine Übersetzung zum Erfolgsmodell.  Wo es keine Worte gibt, erfindet er welche. Worte wie Feuereifer, Denkzettel, Schandfleck, Lückenbüßer, friedfertig, Machtwort, Langmut und Morgenland. 
 
Ende Februar 1522 beendet Luther seine Übersetzung des Neuen Testaments. Sie wird in Wittenberg u.a. von Philip Melanchthon überarbeitet und erscheint im September 1522 gedruckt. Die erste Auflage des „Septembertestaments“ ist schnell vergriffen. 
1534 liegt die erste Übersetzung der ganzen Bibel vor. Noch heute gilt: Kein anderer hat die Entwicklung der deutschen Sprache so geprägt wie Luther. „Das Licht nicht unter den Scheffel stellen“, „der Wolf im Schafspelz“, „im Dunkeln tappen“, „Perlen vor die Säue werfen“, „aus dem Herzen keine Mördergrube machen, „ein Herz und eine Seele sein“ – alle diese Redewendungen tauchen zum ersten Mal in der Lutherbibel auf. Luther leistet einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung einer einheitlichen deutschen Schriftsprache jenseits der zahlreichen Dialekte.
 
500 Jahre nach der Lutherbibel gibt es weltweit mehr als 1000 Bibelübersetzungen. In Deutschland gehören neben der revidierten Lutherbibel aus dem Jahr 2017 zum Beispiel die Gute-Nachricht-Bibel und die Bibel in gerechter Sprache dazu. 
Das neueste Bibelprojekt ist die BasisBibel. Ihr Kennzeichen sind kurze Sätze und klare Gliederungen. Sprache und der Umgang mit Themen einer Zeit verändern sich auch 500 Jahre nach Luthers Tagen auf der Wartburg.