Jetzt ist die Zeit

Gedanken zu den Tagen zwischen 9. und 11. November 2022
Die Tage zwischen dem 9. und 11. November sind Tage, an denen die Fäden der Vergangenheit sortiert und mit dem drängenden „Hier und Jetzt“ verknüpft werden wollen.
Der vergangene Sonntag markierte den Beginn der Friedensdekade: Krieg soll um Gottes willen nicht mehr sein. Nun zur Mitte der Woche der 9. November mit dem Gedenken an die Pogromnacht in Deutschland 1938; tags darauf der 10.11. mit dem Geburtstag Martin Luthers samt seiner 1. These, dem Ruf nach immerwährender Umkehr; schließlich der 11.11. mit Sankt Martin – das alles will sortiert und auf ein weiterführendes „Heute“ bezogen werden.
Für den christlichen Glauben „ordnet“ sich alles von jenem Jesuswort her, das der Kirchentag just als sein Motto für Nürnberg 2023 ausgegeben hat: „Jetzt ist die Zeit.“ Kairos für die Botschaft von der Lebens- und Menschenfreundlichkeit Gottes. Gottes Zeitansage aus Jesu Mund - das große Korrektiv des Gottestages mitten hinein gerufen in die Irrsal und Wirrsal unserer Tage. Das Jetzt der Gnade entlarvt die Nacht und den frühen Morgen der Übergriffe und Zugriffe der Nazi-Schergen auf jüdisches Gut und Leben vor 84 Jahren als Ausbund der Menschenverachtung und Gotteslästerung. Ich kann in diesen Tagen dem einen Gedanken einfach nicht ausweichen, dass die Hasstiraden von damals immer wieder Widerhall finden in den Hetzparolen auf unseren Straßen heute, vor den Schutzräumen derer, die aus Todesgefahr geflohen sind oder vor den Gotteshäusern, geschmückt mit Davidstern oder Halbmond. Bei allem, was heute anders ist als damals: Öfter als mir lieb ist, empfinde ich Scham für das, was möglich ist in unserem Land. „Jetzt ist die Zeit“, heißt die Losung für alles, was uns in dieser Woche zwischen dem 9. und 11. November noch begegnet - Zeit für Heilvolles, Förderliches und Hilfreiches.
Und Martin Luther? Dass man den 10ten November für den 9ten instrumentalisiert hat, davor wäre vielleicht auch er erschrocken. Ich weiß es nicht. Der damalige lutherische Landesbischof Thüringens Martin Sasse konnte 1938 jedenfalls geradezu euphorisch ausrufen: „An Luthers Geburtstag brennen die Synagogen in Deutschland.“ Im Nürnberger Prozess wollte Julius Streicher bekanntlich an seiner Stelle gar den Reformator selbst auf der Anklagebank sehen - eine der Unheilspuren in unserer Geschichte, die für Jüdinnen und Juden unter uns eine sinnvolle Beteiligung an den Reformationsfeierlichkeiten so schwer macht und für die Evangelische Kirche nichts anderes als den Weg der Buße und Neuorientierung offen lässt.
Der 11.11. schließlich ist dem anderen Martin gewidmet, sozusagen dem für alle Kirchen „Heiligen“ schlechthin. Sankt Martin weist nicht auf eine Idylle im Schnee, sondern den Weg zum Leben und Überleben. Er lebt das „Jetzt ist die Zeit“. Heute ist der Tag der Entscheidung - das geht nicht einfach so von selber, das will entschieden sein - heute.
Der erste Satz, den Jesus öffentlich sagt - Markus 1,15 der große Introitus des Evangeliums: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße, kehrt um – richtet euer Leben neu aus – und glaubt an diese Botschaft.“ Im Heute leben. Nichts ist wertvoller als der heutige Tag, weiß auch der alte Goethe. Christus hat dieses Heute geadelt durch seine Botschaft vom Jetzt.
Es gibt das Heute meiner Verantwortung: Von Martin Niemöller, zuerst U-Boot-Kommandant im 1. Weltkrieg, dann Widerstandskämpfer gegen Hitler und dann Kirchenvorsteher in Hessen kennen wir die Worte, die Jugendliche vor einigen Jahren bei der Gedenkstunde am Mahnmal in Neckarzimmern zitiert haben:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
Die Tage zwischen dem 9. und dem 11. November 2022 sind für mich heute der Ruf: „Komm heraus aus deiner Teilnahmslosigkeit!“ Denn, mit den Worten eines jüdischen Weisen gesprochen: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass; das Gegenteil von Glauben ist nicht Überheblichkeit; das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung – das Gegenteil ist jedes Mal die Gleichgültigkeit.“
„Jetzt ist die Zeit“ - eine kleine Korrektur noch, um ein Missverständnis zu vermeiden: Das „carpe diem“ – „Pflücke den Tag!“ – gewinnt nach biblischem Verständnis noch einen etwas anderen Klang: Die Sprache der Bibel – das Hebräische - hat eigentlich kein Präsens. Es hat Vergangenheit und Zukunft. Will sagen: Das Jetzt ist dem menschlichen Zugriff letztlich entzogen, unverfügbar, nicht machbar.
Mit dieser Perspektive geht die Kirche in die letzten Tage des Kirchenjahres. Es ist etwas jenseits der Reiche dieser Welt – es ist eine Gottesherrschaft im Kommen begriffen, ja schon da und dort antreffbar, auffindbar, spürbar – aber nie machbar, nie dingfest zu machen. Gott sei Dank! Umso energischer ist dem Kommenden aber jetzt schon zu entsprechen mit den großen Drei: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Übrigens: Wenn am 11.11. 11 Uhr 11 eine „neue Zeit“ verkündet wird, dann wissen wir: Es ist der Anfang der 40tägigen Zeit der Vorbereitung auf die Geburt Christi, wenn es dann heißen wird: „Als die Zeit erfüllt war im Heute, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und der Tora Israels unterstellt“ (Gal 4,4). So lange beten wir weiter „dein Reich komme!“, bis es einmal auf einem höheren Level wahr sein wird und für alle offenkundig: „Jetzt ist die Zeit.“