Frieden lernen

Ausschnitt Roulette

Politik & Gesellschaft

Die Roulettekugel rollt. Auf der roten Sieben bleibt sie liegen. „Du Motherfucker“ schallt es durch den Raum. Alle sind gespannt, wie sich der Beschimpfte spontan verhalten wird. Denn darauf kommt es an beim „Beleidigungs-Roulette“: den Mechanismus von Beleidigungen zu durchschauen und dann anders reagieren zu können als nach dem Motto „Wie du mir, so ich dir.“

Das Spiel ist Teil der Ausbildung zur Friedensstifterin/zum Friedensstifter. Die Evangelische Landeskirche in Baden bietet dieses Training für Jugendliche an. Für ein Wochenende trifft sich die Gruppe, meistens Konfirmandinnen und Konfirmanden. Stefan Maaß, seit 2014 Friedensbeauftragter der Evangelischen Landeskirche in Baden, führt das Training durch. Er setzt bewusst bei den Erfahrungen an, die junge Menschen in ihrem Alltag, in Familie und Schule machen: Mobbing, Konflikte, Gewalt. Besonders wichtig ist ihm, die Jugendlichen zu ermutigen, offen zusagen, was sie denken. Er arbeitet mit ihnen an Strategien, wie sie sich in bestimmten Situationen schützen und wie sie reagieren können. Das gelingt über verschiedene Übungen und Spiele, wie zum Beispiel das „Beleidigungs-Roulette“. Stefan Maaß weiß, wie anstrengend es ist, sich mit der Thematik Gewalt und Konflikte auseinanderzusetzen. Umso mehr freut er sich, wenn die Jugendlichen am Ende des Trainings sagen: „Das hat Spaß gemacht. Ich hätte nie gedacht, dass wir so was bei der Kirche machen. Das hilft mir im Alltag.“
Sechs Jugendliche springen in die Höhe, halten sich an den Händen
 
Friedensbildung ist aber nicht nur ein Thema für junge Menschen, sondern betrifft die ganze Gesellschaft. Stefan Maaß erläutert: „Friedensbildung umfasst drei Bereiche: Friedenskompetenz, Friedensfähigkeit und Friedenshandeln. Ich muss Fakten kennen, um mir überhaupt ein Urteil bilden zu können. Ich muss das eigene Verhalten reflektieren, andere Positionen wahrnehmen und zulassen oder auf Distanz gehen können. Das alles muss dann mein Handeln bestimmen.“  
 
2013 hat die Landessynode der Evangelischen Landeskirche beschlossen, dem Thema Frieden mehr Beachtung zu schenken, mehr Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden zu übernehmen und "Kirche des gerechten Friedens" zu werden. Überzeugt hat sie formuliert: „Frieden kann gelernt und muss gelehrt werden“.  Diesen Weg hat sie in der Herbsttagung Ende Oktober 2022 noch einmal bestärkt. Intensiv wurde über die Frage diskutiert, ob der Einsatz rechtserhaltender militärischer Gewalt zur Abwehr von Aggressoren gerechtfertigt ist. Oder soll sich die Kirche ausschließlich auf die Unterstützung gewaltfreier Friedensbemühungen und die Hilfe der Opfer beschränken? Diese Kontroverse hat die Landessynode nicht aufgelöst. Sie spricht sich aber dafür aus, vorrangig nach gewaltfeien Lösungen zu suchen, humanitäre Hilfe zu leisten und Gesprächskanäle offenzuhalten: Weitere Informationen zur friedensethischen Diskussion bei der Landessynode
 
Darin sieht auch Stefan Maaß eine wichtige Aufgabe für Gemeinden: für Dialog stehen und Raum bieten, um unterschiedliche Positionen wahrzunehmen, zu diskutieren, stehen zu lassen und auszuloten, was trotzdem gemeinsam möglich ist.
Die praktische Friedensarbeit in der Gemeinde unterstützen auch die weiteren friedensethischen Projekte der Evangelischen Landeskirche in Baden:
Friedenstaube
Der Freiwillige Ökumenische Friedensdienst (FÖF) ermöglicht 18- bis 28Jährigen ein Jahr praktischer Friedensarbeit im Ausland.  
"Sicherheit neu denken" arbeitet an einer schrittweisen Veränderung von einer militärgestützten zu ziviler Sicherheitspolitik, die auf Kooperation und Gewaltprävention beruht.  
Den Zusammenhang von Rüstungsexporten aus Baden und die schädlichen Auswirkungen auf Entwicklungschancen im Süden nimmt das Projekt Rüstungskonversion in den Blick. 
2020 wurde das Friedensinstitut Freiburg gegründet. An der Evangelischen Hochschule Freiburg kann der Masterstudiengang Friedenspädagogik belegt werden. 
Den Austausch zwischen Kirchengemeinden und -bezirken, Schulen und Gruppen, die sich für Frieden und Gerechtigkeit engagieren, fördert das Netzwerk Local Peace. Frieden wird sichtbar
Alle vier bis sechs Wochen findet das digitale Format „Peace Talks“ statt. Nach einem kurzen Impuls werden Friedensthemen diskutiert. 
Vom drittletzten Sonntag im Kirchenjahr bis zum Buß- und Bettag findet seit über 40 Jahren die Ökumenische Friedensdekade statt. Sie fördert den friedenspolitischen Beitrag von Kirche und Gesellschaft.
 
Der Terminkalender von Stefan Maaß für 2023 füllt sich. Vorträge und Workshops sind verabredet. Auch die Anfragen nach Seminar-Wochenenden für Jugendliche nehmen nach Corona wieder Fahrt auf. Den Raum für das Gespräch und den Dialog ermöglichen - Stefan Maaß ist überzeugt: „Da können wir als Kirche etwas bewirken.“