Unbedacht verstorben

Grabsteine im Gegenlicht

Martina Steinbrecher

Von einer Bestattung in Würde

In der Kapelle auf dem Stuttgarter Pragfriedhof ist das Chörle bereits eingetroffen. Trotz starken Regens haben sich an diesem grauen Novembernachmittag knapp zehn Sängerinnen und Sänger eingefunden. Bei der in Kürze beginnenden Trauerfeier werden sie singen. Und beten. Und zuhören. Einige auch weinen. Was Menschen eben tun bei so einem Anlass. Mit einem großen Unterschied: Keiner aus dem Chörle kennt einen der Männer und Frauen, deren Urnen vorne in der Kapelle aufgestellt sind. Die Menschen, deren Asche sich in den Urnen befindet, werden auf Anordnung der Stadt Stuttgart bestattet, weil sich keine Angehörigen gefunden haben, die diese Aufgabe übernehmen könnten oder wollten. Oft weiß man nicht viel über die Toten. Eine Pfarrerin und ein Diakon werden die Trauerfeier ökumenisch gestalten. Von der Hoffnung sprechen, dass die Toten eine neue Heimat bei Gott gefunden haben. 

Zum Glück gibt es ordnungsbehördliche Bestattungen in ähnlicher Form mittlerweile in vielen Städten. Mir gefällt es, wenn dabei von einer Bestattung unbedachter Menschen die Rede ist. Denn zum einen sind oft Obdachlose dabei. Das Wort unbedacht enthält aber auch die bittere Wahrheit, dass an diese Toten wohl schon lange niemand mehr gedacht hat. In Heidelberg, wo die Namen der Verstorbenen vorher veröffentlicht werden, ist es aber auch immer wieder vorgekommen, dass auf den Trauerfeiern doch Menschen aufgetaucht sind, die eine der Personen noch gekannt haben. Das ist dann immer eine große Freude, denn manchmal lässt sich auf diese Weise noch etwas über jemand in Erfahrung bringen und erzählen. Ich werde auch nie vergessen, wie einmal ein Mann seinem Bruder der Landstraße einen Schluck Whiskey aus der mitgebrachten Pulle ins Grab hinterhergegossen hat. Was für eine Ehre und passender als jeder Rosenstrauß!

Als unsere Vorfahren in grauer Vorzeit damit begonnen haben, ihre Artgenossen zu begraben, hat die Geschichte des Menschen begonnen. Gräber gehören deshalb zu den ältesten Kulturorten der Menschheit. Niemand sollte vereinsamt leben und sterben müssen. Und kein Mensch sollte einsam unter die Erde gebracht werden. Deshalb wird sich das Chörle in Stuttgart auch nächstes Mal wieder einfinden, wenn die Unbedachten begraben werden. Und singen. Und beten. Und hoffen.