"Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Deutschland passiert"

LKWs auf Parkplatz

Politik & Gesellschaft

Diskutieren Sie auch über die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar? Mit Kolleg:innen und zuhause? In den Medien geht es in diesen Tagen oft erst in zweiter Linie um den Fußball. Wir hören von den Machenschaften in der Fifa rund um die Vergabe des Turniers und beim Turnier selbst. Es wird über die Ausbeutung der ausländischen Arbeitskräfte berichtet, die beim Bau der Stadien eingesetzt waren. Dass auch in Deutschland Menschen ausgebeutet werden, ist für viele von uns undenkbar.

„Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist“, diesen Satz hört Renate Zäckel oft. Zäckel ist Leiterin der Beratungsstelle „Faire Mobilität“ in Mannheim. Zu ihr und ihren beiden Kolleginnen kommen Menschen, die in Deutschland von Ausbeutung betroffen sind und Hilfe suchen.  
 
Meist sind es Menschen aus Osteuropa. Sie arbeiten als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, in der Fleischindustrie, als Pflegekräfte in der häuslichen Betreuung, auf dem Bau oder als LKW-Fahrer. 
 
Renate Zäckel, die selbst rumänisch spricht, hilft ihnen, ihre Rechte durchzusetzen. Das Recht auf den gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro beispielweise. Denn oft wird nicht einmal der gezahlt.  „Kontrollen gibt es viel zu selten und oft wissen die Menschen gar nicht, dass ihnen ein Mindestlohn zusteht“ sagt Zäckel und nennt Beispiele:  

Ein LKW-Fahrer aus Rumänien. Angestellt ist er bei einer rumänischen Firma, die im Auftrag eines großen deutschen Automobilherstellers Fahrzeugteile durch Deutschland transportiert. Während der Fahrer mit seinem Truck in Deutschland unterwegs ist, müsste er eigentlich den gesetzlichen Mindestlohn erhalten. Aber das ist selten der Fall. Manchmal ist der Fahrer wochenlang unterwegs, doch Lohn und Spesen sind so gering, dass er sich in den vorgeschriebenen Ruhezeiten kein Hotelzimmer leisten kann. Deshalb schläft er auf einem Rastplatz in der LKW-Kabine und bereitet seine Mahlzeiten auf einem Gaskocher zu. Und wenn er einen unvorhergesehenen Umweg macht, weil eine Straße gesperrt ist, muss er den Mehrverbrauch an Diesel auch noch aus der eigenen Tasche bezahlen. Hier hilft Renate Zäckel. Sie rechnet aus, was ihm an Mindestlohn zusteht, schreibt Briefe an den Arbeitgeber und unterstützt den Fahrer dabei, seine Forderungen durchzusetzen.  
   
Viele Menschen, die von Ausbeutung betroffen sind, kommen direkt in die Beratungsstelle. Doch Zäckel und ihre beiden Kolleginnen, Kinga Trufan und Mariya Zvezdanova, fahren auch mehrmals im Jahr die LKW-Rastplätze im Raum Karlsruhe und Mannheim an. Sie klopfen an die Scheiben der LKWs und sprechen die Fahrer direkt in ihrer Muttersprache an, im Gepäck haben sie kleine Geschenke, eine Brotdose mit Proviant beispielsweise. So lässt es sich leichter ins Gespräch kommen.  
 
Sozialpfarrer Andreas Bordne
Sozialpfarrer Andreas Bordne
Auch Sozialpfarrer Andreas Bordne vom Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) kennt Probleme von Arbeitnehmern im Transportwesen. Als Betriebsseelsorger einer regionalen Spedition spricht er regelmäßig mit LKW-Fahrern. Doch im Gegensatz zu den internationalen Speditionen, die im Auftrag von großen deutschen Unternehmen fahren, unterliegt die regionale Spedition deutschem Arbeitsrecht. Die Bezahlung der Fahrerinnen und Fahrer orientiert sich am Tarifvertrag. Ausbeutung ist hier nicht das Thema, wohl aber die mangelnde Anerkennung des Truckerberufs in der Gesellschaft.  
 
Dass sich kirchliche Institutionen im Kampf gegen Ausbeutung engagieren ist für Bordne selbstverständlich: „Kirche steht für Gerechtigkeit und hat als zivilgesellschaftliche Größe auch immer noch Einfluss. Im Bündnis etwa mit den Gewerkschaften setzt sie sich für Menschenrechte und gegen Ausbeutung ein.“ 
 
Im Kampf gegen Ausbeutung hoffen Renate Zäckel und Andreas Bordne auf das geplante Europäische Lieferkettengesetz. Es soll über die Bestimmungen des ab Januar 2023 in Kraft tretenden deutschen Lieferkettengesetzes hinausgehen. Sorgfaltspflichten der Unternehmen gegenüber Umwelt, Klima und Menschenrechten sollen künftig für alle europäischen Unternehmen ab 500 Mitarbeitenden gelten und die gesamte Wertschöpfungskette, also auch Zulieferer und Subunternehmer umfassen.  
 
Dass in Katar so eklatant gegen Menschenrechte verstoßen wurde, ist für Renate Zäckel schwer zu ertragen. Nur ins Ausland zu blicken, bringe aber nichts: „Wir müssen auch vor unserer eigenen Haustüre kehren“, mahnt sie. Zäckel und Bordne machen aber auch deutlich, dass sich die Verhältnisse in Deutschland und Katar unterscheiden. „In Deutschland sind wir immer noch ein Rechtsstaat, wir können uns dafür einsetzen, dass geltendes Recht auch umgesetzt wird.“ 
 
  

Renate Zäckel

Leitung Beratungsstelle "Faire Arbeit Baden-Württemberg"