Ins Staunen kommen

Martina Steinbrecher
Über die O-Töne in der Weihnachtsgeschichte
Ein erstauntes „O!“ ist mir über die Lippen gekommen, als ich dieses Jahr eine kleine Entdeckung gemacht habe: im evangelischen Gesangbuch beginnen 35 Lieder mit genau diesem Wort, das nur aus einem einzigen Buchstaben besteht. O! Das ist ein Ausruf, der weihnachtlicher nicht sein könnte: Bewunderung steckt darin und auch ganz viel Staunen.
Mir hilft der kleine Buchstabe „O“ manchmal das auszusprechen, was mir Angst und Sorgen macht. Mit dem O kann ich seufzen und klagen. Und spüren, wie heilsam das ist: O weh, es ist Krieg! O weh, die Erde leidet! O weh, so viele Katastrophen! O je, was kommt da alles auf uns zu? O je!
Haben Sie gewusst, dass dieser Stoßseufzer sogar ein kurzes Gebet ist? Denn das Je in O Je ist die Abkürzung für Jesus. Jedes Mal, wenn ein Mensch sein Ojeoje anstimmt, fühlt Jesus sich angesprochen und hört genau hin. Auch damals, als Jesus geboren wurde, war die Welt nämlich nicht in Ordnung. So steht es in der Weihnachtsgeschichte (Lukas 2, 1-5):
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.
Die große Weltpolitik hat Auswirkungen auf das Leben der kleinen Leute. Das war vor 2000 Jahren nicht anders als heute. Da hat der Kaiser Augustus eine Volkszählung angeordnet, um seine Steuereinnahmen zu verbessern, und jede einzelne Familie musste zusehen, wie sie das für sich organisiert kriegt. Heute will ein Präsident Krieg führen und das Nachbarland überfallen, und junge Männer müssen an die Front. Söhne, Brüder, Väter, Ehemänner. Und alle Menschen in den Kriegsgebieten müssen hinnehmen, dass in ihrem Leben nichts mehr so ist, wie es eigentlich sein soll. Da wird nicht gefragt, wer mitmachen will. Wer überhaupt in der Lage ist, weite Wege oder harte Kämpfe auf sich zu nehmen. Lange Fußmärsche sind nun wirklich nichts für eine hoch schwangere Frau. Wie froh werden Maria und Josef gewesen sein, als nach vielen Tagereisen endlich das Städtchen Bethlehem in der Ferne am Horizont aufgetaucht ist. Ich höre ihre Seufzer der Erleichterung.
Die Freude über die Ankunft in Bethlehem hält allerdings nicht lange an. Denn die Stadt ist völlig überfüllt; nirgends findet sich ein Quartier. Und die Zeit drängt. Denn bei Maria setzen allmählich die ersten Wehen ein.
Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge (Lukas 2, 6+7).
Wer Schmerzen hat, schreit sie mit einem langen A hinaus. Das A ist der Schmerzenslaut. Und Geburten sind weiß Gott eine schmerzhafte Angelegenheit. Wer einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, lernt deshalb Atemübungen für den Moment, wenn es so weit ist. Trainiert, den Schmerz der einsetzenden Wehen zu veratmen, tief hinein in den Unterleib. A E I O U. Die fünf Vokale sind im menschlichen Körper nämlich unterschiedlich verortet. Das U reicht am weitesten hinab. Sitzt ganz tief. Das O sitzt dagegen in der Mitte des Körpers, im Fokus rund um den Solarpelxus, dort, wo deine Kraft herkommt. Dein Potential. Das O kommt nach dem Schmerz, nach den Wehen. Mit dem O kommt das Staunen. Das überwältigende Gefühl für das Wunder eines neuen Lebens, egal unter welchen Umständen es geboren wurde, egal in welche Welt hinein.
Noch einen weiteren O-Ton finde ich in der Weihnachtsgeschichte: das lautstarke „Boah!“ der Hirten, denen mitten in der Nacht der Himmel aufreißt und ein Engel Ungeheuerliches zu sagen hat:
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens (Lukas 2, 8-14).
Die Hirten, die damals auf den Feldern von Bethlehem ihre Schafe gehütet haben, waren vom Leben nicht gerade verwöhnt. Es gab komfortablere Arten, sein Geld zu verdienen als Tag und Nacht bei Wind und Wetter da draußen. Realistische berufliche Aufstiegschancen hatte keiner von ihnen. Und dass sich politisch grundsätzlich etwas ändern würde, daran haben sie schon längst nicht mehr geglaubt. Sie sind halt ihrer Arbeit nachgegangen. Auch an diesem Tag. Irgendwann war Feierabend. Und dann reißt plötzlich der Himmel auf. Auch für dich. Und die Worte eines Engels treffen dich mitten ins Herz und rühren etwas an, was darin schon lange begraben liegt.
Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen (Lukas 2, 15-16).
Mit den Hirten an der Krippe stehen. Das ist für mich der Augenblick, in dem das ganze Weihnachtsgewimmel endlich ans Ziel kommt. Der Moment, in dem auch ich ankommen darf. Nichts mehr tun, nichts mehr vorbereiten. Einfach nur da sein.
Ich stelle mir die Szene im Stall von Bethlehem vor und suche mir meinen Platz darin. Ganz vorne in der ersten Reihe, direkt an der Krippe oder eher am Rand? Und dann fange ich an zu staunen. Darüber, dass der Engel mich nicht betrogen hat wie andere, die mir auch schon das Blaue vom Himmel herunter versprochen haben. Darüber, dass ich in diesem Moment meine Unruhe und meine Sorgen für eine Weile beiseitelegen darf. Ich nehme diesen kostbaren Moment als Einladung, einem Gott mein Vertrauen zu schenken, der solche Geschichten mit den Menschen schreibt. Vielleicht beuge ich meine Knie. Und bete. Und wenn es nur ein einzelnes O ist, das mir über die Lippen geht. Ein Seufzer der Erleichterung. Ein Ausruf des Staunens. Eine Sehnsucht, die endlich herauswill. Oder eine Träne, die fließen darf.
Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war (Lukas 2, 17-20).