Mit Hoffnung ins neue Jahr

Hände setzen eine Pflanze in die Erde

Lebensfragen & Lebenformen

Die Umfragen zum Jahreswechsel zeigen: die Menschen gehen dem neuen Jahr weit weniger zuversichtlich und optimistisch entgegen. Die Corona-Krise, der Ukraine-Krieg und seine wirtschaftlichen Folgen sorgen für Angst vor der Zukunft. Immer mehr Menschen werden von massiven Existenzängsten geplagt. Was gibt der Bischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden, Heike Springhart, Halt und Hoffnung für das Neue Jahr?

Ihr Buch „Hoffnungsstur und Glaubensheiter“ verspricht Anstöße und Gedanken darüber, was uns gelassen und engagiert in die Zukunft gehen lässt. Wie hängen Hoffnung und Sturheit miteinander zusammen?
 
Springhart: Hoffnung braucht man ja vor allem dann, wenn eine Situation schwierig ist. Dann die Hoffnung nicht aufzugeben, sondern an ihr festzuhalten, ist manchmal eine klare Entscheidung, stur zu sein. Hoffnung ist kein „Baldrian-Wort“, sondern ziemlicher Zündstoff. So eine Trotzdem Kraft braucht viel Energie. Stur muss ich dann sein, wenn ich an der Hoffnung festhalte und sie lebe .
 
Hoffnung ist nach vorn gerichtet, lebt aber auch aus der Erinnerung an mutmachende Erfahrungen. Welche Hoffnungen haben sich 2022 für Sie erfüllt? Welche nicht?
 
Springhart: Ganz persönlich hat sich für mich erfüllt, gut in das Amt als Landesbischöfin reinzukommen und gut ins Gespräch zu kommen mit vielen unterschiedlichen Menschen. Ich glaube, dass wir auch bei den Fragen nach der Zukunft auf einem guten Weg sind, dass sich der Horizont weitet. Hoffnungen sind aber auch große Hoffnungen, auf Frieden, auf Veränderungen im Leben. Die Hoffnung auf Frieden ist leider nicht erfüllt worden.
 
Auf den ersten Blick gibt es derzeit wenig Grund zur Hoffnung. Die Liste der Krisen ist lang. Was hilft Ihnen, Unsicherheiten auszuhalten? 
 
Springhart: Meine Grundhaltung ist, dass das leider nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall ist. Leben ist riskant, verletzlich und verwundbar. Und dass Friede brüchig ist, ist nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine klar. Insofern lähmt es mich nicht, als käme jetzt plötzlich etwas nie Dagewesenes. Das hat aber auch etwas mit meinem Glauben zu tun. Uns ist nie der Himmel auf Erden versprochen worden. Aber dass es hier nicht bleibt, wie es ist und dass wir nicht allein sind, sondern dass Gott an der Seite der Entrechteten steht und dass Friede aufgerichtet wird, ist eine Hoffnung, die mich trägt und antreibt.
 
Was kann ein Blick in die Bibel helfen?
 
Springhart: Die biblischen Texte sind ein ganzes Buch voller Zeugnisse davon, dass Menschen in ihrer Situation damit gerungen haben, was gutes Leben ist und wie sie weiterkommen. Ob das die prophetischen Texte im Alten Testament sind, zum Beispiel Amos, der um Recht und Gerechtigkeit kämpft, oder die Psalmen, in denen Menschen sehr konkret Gott ihr Leid klagen. Und dann im Neuen Testament die Geschichte Jesu und Jesu Verkündigung, in der das Reich Gottes nicht einfach eine hübsche Vision ist, sondern sich konkret darin realisiert, dass Blinde sehen, Lahme gehen und Armen das Evangelium verkündigt wird. Das ist für mich das Starke, dass das sehr handfest ist. Die christliche Hoffnung geht immer über das hinaus, was in unserem Horizont ist, aber sie ist verankert auf dem Boden, auf dem wir stehen, im ganz konkreten Leben mit seinen ganz konkreten Herausforderungen.
 
Krisen gehören zum Leben. Sie sind im Grunde unvermeidlich. Im Moment kann man aber schon das Gefühl haben, dass sich immer mehr auftürmt und es immer schlimmer wird. Für manche Menschen ist das einfach zu viel. Was machen Sie, wenn Ihnen mal alles zu viel wird?
 
Springhart: Zum einen hilft mir, den Blick nicht nur auf die Krisen zu richten. Krisen gehören zum Leben, zum persönlichen wie zum globalen, aber das ist ja nicht das Einzige, was mein Leben und die Welt ausmacht. Ganz konkret suche ich im Gebet den Kontakt mit Gott, das mir einen anderen Blick auf die Krisen öffnet und dann suche ich mir auch Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner, bei denen es um etwas anderes geht als Krisen. Einfach mal rausgehen, auch in eine offene Kirche, mich neu fokussieren und sehen, was alles nebeneinandersteht.
 
Kann man Hoffnung lernen?  
 
Springhart: Vielleicht nicht lernen, aber man kann sie üben und 
Cover e-book hoffnungsstur und glaubensheiter
 miteinander leben. Das ist auch die Stärke von Kirche und christlicher Gemeinde, dass wir teilen, was uns hoffen lässt, was uns stärkt und was uns in schwierigen Situationen geholfen hat. Als Kirche sind wir eine Hoffnungsgemeinschaft. Ich bin nicht allein mit meinen Hoffnungen und auch nicht mit meinen Befürchtungen. Ich glaube nicht, dass es ein Rezept gibt „So lernen wir jetzt Hoffnung“, aber wir können uns auf ihre Wurzel, auf Jesus Christus besinnen, wir können sie pflegen, wachhalten und nähren.
 
Was ist Ihre größte Hoffnung für 2023?
 
 
Springhart: Meine größte Hoffnung ist, dass es uns gelingt, gut über den Winter zu kommen, dass die Risse in unserem Land nicht noch tiefer werden, dass wir miteinander unterwegs bleiben. Das sehe ich auch als Aufgaben von Kirche. Es ist ganz wesentlich, dass die Sorgen und Nöte von allen gehört werden. Das hat unmittelbare Auswirkungen für unser Miteinander. Für uns als Landeskirche hoffe ich, dass wir die Flamme, die uns trägt, dass wir Kirche sind und einen Auftrag für diese Welt haben, erleben und spüren. Das ist meine Hoffnung, dass wir strahlkräftig unterwegs bleiben und die Menschen in der Kirche Trost und Unterstützung finden.
 
Und ein persönlicher Wunsch?
 
Springhart: Dass es auch für mich Räume und Zeiten gibt, in denen ich empfange, wo ich mich fallen lassen, Spiritualität leben und schöne Gottesdienst feiern kann. Und gut mit allen im Gespräch zu bleiben.
 
Buchtipp: Heike Springhart: „Hoffnungsstur und glaubensheiter“.   Zu beziehen auch als e-book direkt beim Verlag.
https://www.klotz-verlagshaus-shop.de/home/HOFFNUNGSSTUR-UND-GLAUBENSHEITER-eBook-p510786425
 
 
  
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