Nun ist‘s ziemlich lebendig geworden um den Stall, vor der Krippe. Nix mehr mit „stille Nacht“, „alles schläft, einsam wacht“. Von Einsamkeit kann keine Rede mehr sein, von inniger Einkehr oder beschaulicher Krippenromantik in leisen Tönen. Heuer, am Dreikönigstag, kommen zu den polternden Hirten (aber wir pflegen keine Vorurteile! Und vielleicht waren auch in paar Hirtinnen darunter?) drei Könige hinzu.
Aber was sag ich: drei Könige? Wie sich’s gebührt: Die haben gewiss ihre Entourage dabei: Da springen ein paar Bedienstete herum, Balthasar musste seinen wunderfitzigen Neffen mitnehmen (sonst hätte Frau Bathseba den Ausflug nicht erlaubt), Melchior reist nicht gerne ohne zwei, drei würdevoll-kluge Ratgeber und Caspar verzichtet nicht auf seine Vorleserin, für die zwei Trägerinnen die Schriftrollen schleppen. So als Weiser, was die drei ja auch sind, hält der Mensch doch auf sich! Drum reichen auch keine drei Dromedare für den Transport von Mann und Frau und Kind und Kegel – Esel stehen in den Ecken und halten die Schafe auf Abstand, Melchior hat sogar einen Gaul dabei, der dem Ochsen etwas arrogant erscheint.
So stelle ich mir das vor, mit viel Fantasie – es sei erlaubt. Auf jeden Fall: Es sind viele geworden, die sich jetzt, zwei Wochen nach der Geburt, um den Kleinen versammeln. Maria verliert langsam die Geduld, Joseph hat eine strenge Miene aufgesetzt, um wenigstens für kurze Zeiten der Ruhe zu sorgen. Selbst die Könige raunzt er an, ob sie sich einen Stern zugutehalten oder nicht.
„Was wollen die denn alle hier?“ denkt er halblaut vor sich hin, so dass es die anderen gerade hören können (aber nicht müssen, das ist biblische Diplomatie). Ja, gute Frage: Was wollen die denn alle?
Zuerst: CMB und die Hofchargen und -schranzen, das Hirtenvolk und Fell- und Federvieh, die kommen da nicht nur für sich selbst. Die stehen für etwas, besser: für jemanden. Für uns, die Menschheit, und für die Schöpfung. Als Vertreter und Vertreterinnen der damals bekannten Welt und der seufzenden Kreatur (von der Paulus später schreiben wird) treten sie zum Stall und vor die Krippe. Was sie verbindet, über Grenzen aller Art hinweg, ist ihre Suche. Sie suchen Hoffnung, sie suchen einen, der den Weltenlauf ändert, und der sie persönlich achtet und befreit, von Plage und Gewalt, von Ziellosigkeit und verzagter Müdigkeit. Das verbindet sie: dass sie auf der Suche sind.
Und haben sie nun gefunden? Ich weiß nicht, was den drei Weisen, den Hirten und Hirtinnen, der Vorleserin und den Ratgebern durch den Kopf ging, ob sie ihre persönlichen Erfahrungen erfüllt gefunden haben. Aber wenn sie sich umgesehen haben, müssten sie verstanden haben: Ich bin nicht der Einzige, wir sind nicht die Einzigen. Die ganze Welt sucht Hoffnung; Menschen und Geschöpfe sind eins darin, hier, bei diesem Kind, Antwort zu finden, Zukunft zu sehen.
Dann wird wohl was dran sein – und getäuscht haben sie sich alle nicht.
Kirchenrat i. R.
Thomas Weiß, Pfarrer, war bis Mai 2024 in der Landesstelle zuständig für die allgemeinen Leitungsaufgaben (u.a. Fachaufsicht, Konzeption, Grundsatzfragen) und für die Geschäftsführung der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (EAEB) in Baden. Zu seinen besonderen Themenbereichen gehörten: Öffentlichkeitsarbeit, theologische Bildung und kulturelle Bildung. Er vertrat die EAEB und ihre Bildungsarbeit in der Landeskirche und in ökumenischen und politischen Gremien.
Zur Person:
1980 – 1987 Studium der Evang. Theologie in Bethel/Bielefeld und Heidelberg
1987 – 1990 Lehrvikariat in Mittelbaden und Pfarrvikariat in Südbaden
1990 – 1996 Pfarrer der Evang. Kirchengemeinde Kandern
1996 – 2002 Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung in Freiburg, Lehrauftrag für Evang. Erwachsenenbildung an der Evang. Fachhochschule Freiburg
2002 – 2012 Pfarrer der Evang Jakobusgemeinde Heidelberg und der Evang. Lukasgemeinde in Gaggenau, jeweils Bezirksbeauftragter für Evang. Erwachsenenbildung
Mitglied im Förderkreis deutscher Schriftsteller*innen, Stuttgart, und in der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik, Leipzig, seit 2020 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland
2012 – 2019 Pfarrer der Evang. Luthergemeinde Baden-Baden, Leiter der Bezirksstelle für Evang. Erwachsenenbildung Baden-Baden in Teildeputat
Juni 2019 – Mai 2024 Leiter der Landesstelle für Evang. Erwachsenen- und Familienbildung