"Man gibt etwas und man bekommt etwas"

Britta Hansen steht in blauer Arbeitsweste auf der Treppe der Johanniskirche in der Karlsruher Südstadt. Sie blickt auf die Menschenschlange vor dem Eingang zum Innenhof. Lächelnd begrüßt sie die ankommenden Gäste, die zuerst einmal mit Kaffee oder Tee versorgt werden. So lässt sich an diesem kalten Januartag die Wartezeit bis zur Eröffnung der „Essens-Straße“ besser überbrücken. Hansen ist ehrenamtliche Projektleiterin der Karlsruher Vesperkirche und von Anfang mit dabei. Sie berichtet von ihren Erfahrungen.
Zu den Gästen der Vesperkirche gehören Menschen aus dem Viertel rund um den Werderplatz, aus der Karlsruher Südstadt, aber auch aus anderen Stadtteilen. Auch Geflüchtete sind darunter. „Viele haben nur ein geringes oder gar kein Einkommen. Einige haben keine Wohnung oder müssen aufgrund steigender Mieten und Energiekosten fürchten, die Wohnung zu verlieren. Hinzu kommen manchmal psychische oder Drogenprobleme. „Es kommen jedes Jahr mehr Menschen“, sagt Britta Hansen.
Zusammen mit Pfarrerin Lara Pflaumbaum koordiniert sie die Angebote für die Gäste und teilt die Aufgaben für die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer ein. Rund 40 sind an jedem Vesperkirchentag im Einsatz.
Während sich die ersten Gäste an einer der Stationen im Hof die warme Hauptmahlzeit des Tages, eine Portion Gabelspaghetti mit Bolognese, abholen, schmieren Helferinnen und Helfer oben im Gemeindesaal noch belegte Brote für die Vespertüten. Zusammen mit dem von Bäckern aus Karlsruhe gespendeten süßen Teilchen werden die Brote sorgfältig in die weißen Papiertüten gepackt. Alle Helfenden tragen Schürze, Maske und Einmalhandschuhe und haben vor dem Einsatz eine Hygieneschulung absolviert. Denn Hygiene ist wichtig. Um Gäste und Mitarbeitende zu schützen, habe man sich deshalb auch noch einmal dafür entschieden, die Vesperkirche als „Essens-Straße“ draußen aufzubauen, wie in den vergangenen zwei Corona-Jahren, so Hansen.
An den Stationen unten im Hof wird es voller. Die Helfer:innen händigen die Vespertüten an die Wartenden aus, verteilen Kosmetika und selbstgestrickte warme Socken. Alles ist sehr begehrt. Ein Besucher möchte wissen, wann die Friseure kommen, eine ältere Frau fragt nach der Tierärztin. Ein dritter erkundigt sich, ob die Kleiderkammer schon geöffnet ist. Geduldig und freundlich beantworten Hansen und ihr Team alle Fragen.
Man merkt, dass es ihr wichtig ist, dass sich alle wohl fühlen: die Gäste ebenso wie die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Rund 400 Freiwillige helfen in den vier Wochen Vesperkirche mit.
Die Johanniskirche selbst wird in der Vesperkirchenzeit multifunktional genutzt. In einer Ecke stehen Stühle zum Ausruhen und Aufwärmen bereit. Auf der Empore werden unter Anleitung einer Künstlerin Stoffe bemalt. An der Längsseite ist ein Teil für die Kleiderkammer abgetrennt.
Auf den Stühlen vor der Kleiderkammer sitzen schon mehrere Personen und warten auf die Kleiderausgabe. Petra war gestern schon einmal da auf der Suche nach einem warmen Wintermantel. Den habe sie auch gefunden, sagt sie strahlend. Heute hält sie Ausschau nach Hosen. Sie wohnt in der Nähe und hat nur wenig Geld zur Verfügung. Deshalb ist sie froh, dass sie hier gegen eine kleine Spende Kleidung bekommt. „Jeder zahlt, was er kann. Es ist den Gästen wichtig, etwas für die Kleidung zu geben. So werden die Sachen auch genutzt und landen nicht in der Mülltonne“ sagt Hansen. Sie betont, dass die meisten Gäste achtsam mit der Kleidung umgehen und auch Sachen zurückbringen, die sie nicht mehr benötigen, weil andere sie ja vielleicht noch gebrauchen könnten.
Auch spirituelle Anliegen haben ihren Platz in der Vesperkirche.
Im sogenannten „heiligen Zelt“ liegt ein Buch aus, in das Besucher ihre Gebetswünsche eintragen können. Auch Kerzen dürfen angezündet werden. Jeden Freitag um 12.00 Uhr findet eine Andacht mit persönlicher Segnung statt. „Das wird sehr gut angenommen, die Menschen schätzen das sehr. Gott sieht mich, das ist für viele sehr wichtig“ sagt Hansen.
Dass sie sich selbst engagiert, hat mit ihrem Glauben zu tun. Ihr ist es wichtig, Menschen zu helfen, die nichts oder nur wenig haben. Etwas zurückgeben, das wollen auch die anderen, die sich in der Vesperkirche engagieren. Viele tun das, auch wenn sie nichts mit der Institution Kirche zu tun haben wollen.
Rosi Schottmüller und Josef Fehrenbach gehören auch zum Team der freiwilligen Helfer. Schottmüller ist von Anfang an dabei. In früheren Jahren habe sie für jeden Vesperkirchentag einen Kuchen gebacken, erzählt sie voller Freude. Sie will helfen, weil es ihr gut geht und andere viel weniger haben. Auch die Gesellschaft ist ihr wichtig, das Reden mit den Gästen und die Zusammenarbeit im Team. Sogar eine Wandergruppe hat sich unter den Ehrenamtlichen zusammengefunden. Walter Fehrenbach ist seit drei Jahren dabei und sieht das genauso. „Das Ehrenamt hat zwei Seiten“, sagt er lachend: „Man gibt etwas und man bekommt etwas.“
Die Idee der Vesperkirche geht auf Pfarrer Martin Fritz zurück. Er rief 1995 die erste Vesperkirche in Stuttgart ins Leben, um bedürftigen Menschen in den Wintermonaten zu helfen. Bald folgten weitere Städte.
Die Vesperkirche in Karlsruhe läuft noch bis zum 5. Februar.
Auch in Mannheim und Pforzheim laden Kirchengemeinden noch bis etwa Mitte Februar zur Vesperkirche ein.
Weitere Informationen und Termine finden Sie auf den jeweiligen Websites:


