Eine ganz besondere Frau

Hand mit Stift und Notizbuch

Klaus Nagorni

Von Geschichten und denen, die sie erzählen.

Das muss eine ganz besondere Frau sein, habe ich gedacht, als ich von ihr kürzlich in der Zeitung gelesen habe. Sie hat sich zur Aufgabe gesetzt, als „Geschichtenpflegerin“ zu arbeiten. Sie geht in Altersheime und Hospize und sammelt die bislang nicht erzählten Geschichten alter und oft sterbenskranker Menschen. Sie fügt die Bruchstücke und Fragmente eines langen Lebens zu einer Biographie zusammen. So dass der rote Faden im Leben eines Menschen sichtbar wird.
Ein imponierendes Engagement, finde ich, dem sich die Geschichtenpflegerin widmet. Sie weiß, Geschichten sind mehr als „bloße“ Geschichten. In ihnen ist etwas vom Leben eines Menschen aufbewahrt.
 
Darum finde ich auch die biblischen Geschichten so faszinierend. Lange bevor die Bibel als Buch vorgelegen hat, sind ihre Geschichten ja über Jahrhunderte mündlich weitererzählt worden. Immer wieder neu. Weil sie genau ins Leben treffen. Menschen haben gespürt: da steckt etwas drin, das auf keinen Fall verloren gehen darf. Etwas, das meinem Leben Tiefe und Sinn geben kann. Und darum unbedingt für spätere Generationen aufgehoben werden muss.
Die Geschichte von dem Kind in der Krippe, das unsere Hilfe braucht. Und von dem es heißt: in ihm ist Gott ein Mensch geworden. Oder die Geschichte von einem verratenen, gefolterten und gekreuzigten Wanderprediger. Von dem es heißt: Gott hat ihn auferweckt zu einer Hoffnung für alle.
 
Aber nicht nur die großen und bekannten Geschichten sind von Bedeutung. Ich bin sicher, im Grunde hat jeder Mensch Geschichten zu erzählen, die es wert sind, gehört zu werden. Weil unser Leben zu großen Teilen aus Geschichten besteht. Von selbst erlebten und gehörten. 
Ich selbst werde immer wieder inspiriert von den Geschichten, die mir Andere erzählt haben. Sie können mir den Sinn meines Lebens erschließen helfen. Manches erklären. Trösten. Und meinen Blick heben auf neue Horizonte. Ganz genau so wie es die biblischen Geschichten tun. Geschichten vom Leben, Lieben und Sterben. Vom Aufstehen und Auferstehen, wie sie in jedem Menschenleben passieren können.
 
Ich wünsche Ihnen, dass Sie im neuen Jahr solche Geschichten erleben, die es wert sind, aufgehoben und weitererzählt zu werden. Und auch, dass Sie dafür Zuhörer und Zuhörerinnen finden. Solche aufmerksamen wie die Geschichtenpflegerin eine ist.
 
  

Klaus Nagorni

Akademiedirektor i. R.