Wir können die Welt beim Sprechen gerechter machen

Kürzlich wurde es wieder gekürt: das Unwort des Jahres. Unwörter entstehen im Gebrauch, sei es gedankenlos, sei es bewusst irreführend und diskriminierend. Aber nicht nur die Unwort-des-Jahres-Jury bemüht sich um einen sensibleren Sprachgebrauch. Auch in der Evangelischen Landeskirche in Baden soll eine Sprache gepflegt werden, die sich Menschen zuwendet und niemanden ausgrenzt. Die Germanistin Birgit Weber spricht darüber mit Claudia Baumann, der Beauftragten für Gleichstellung und Diversity. Und sie gibt Tipps, wie es gelingen kann, gerecht zu sprechen.
Wann ist Sprache eigentlich „gerecht“?
Baumann: Ich glaube nicht, dass wir jemals völlig „gerecht“ kommunizieren können. Deshalb spreche ich von einer diversitätssensiblen oder gendersensiblen Sprache. Von einer Sprache, die sich darum bemüht, dass wir einander weniger diskriminieren und ausgrenzen. Die versucht, Rassismen und Stereotype zu vermeiden. Eine Sprache, die Menschen in ihrer Vielfalt sichtbar und hörbar macht. Dazu müssen wir in dieser Vielfalt miteinander im Gespräch sein, aufeinander hören und voneinander lernen.
Sprache stellt Realitäten dar, Sprache schafft aber auch Realitäten. Welche Realität von Kirche wollen wir mit unserem Sprachgebrauch abbilden?
Baumann: Zwei Beispiele: Wer fühlt sich in unseren „Familien“-Gottesdienst tatsächlich eingeladen? Auch „Allein“erziehende, Patchworkfamilien, Regenbogenfamilien? Wen sprechen wir wie als ehrenamtlich Mitarbeitende an? Ganz selbstverständlich auch Menschen mit einer Behinderung, mit Migrationshintergrund oder junge Menschen unabhängig vom Schulabschluss?
Durch Sprache gestalten wir Realität – auch die unserer Kirche. Als Kirche sind wir Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters, Sprache, Hautfarbe, mit unterschiedlichen körperlichen und gesundheitlichen Voraussetzungen. Wir bringen die unterschiedlichsten Gaben, Erfahrungen, Narben und Hoffnungen mit. Nur gemeinsam sind wir Leib Christi.
Gendergap, Doppelpunkt, Genderstern: Um Vielfalt in der Sprache auszudrücken, wird momentan einiges ausprobiert. Favorisieren Sie eine bestimmte Schreibweise? Und wenn ja, warum?
Baumann: Der Rat der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) empfiehlt aktuell den Einsatz des Gendersternchens. Dem schließe ich mich an. Wichtig ist, dass wir uns als Gesellschaft bald auf ein einheitliches Zeichen verständigen. Nur so können Suchmaschinen und Computerprogramme wie Screenreader angepasst werden.
Was raten Sie Menschen, die in Gendersprache den Untergang der Welt wittern?
Baumann: Ich bitte sie, ernst zu nehmen, dass Menschen tatsächlich durch eine bestimmte Kommunikation ausgeschlossen, benachteiligt oder verletzt werden. Rechtspopulist*innen instrumentalisieren aktuell erfolgreich dieses Thema, um uns als Gesellschaft weiter zu spalten. Viele Menschen werden aufgehetzt, und Worte gehen wieder in Taten über. Lassen wir das nicht zu. Hören wir offen und sensibel aufeinander. Und setzen wir auch durch unsere Kommunikation Zeichen gegen jegliche Gewalt und für eine gerechtere Welt.
Tipps für gerechte Sprache
Das generische Maskulin, also die männliche Form, bei der Frauen mitgemeint sind, hat ausgedient. Probieren Sie es doch mal mit neutralen Wörtern: Mitglieder, Angestellte, Personen, Menschen, oder mit Neutralisierungen: Studierende, Mitarbeitende, Lehrende. Das funktioniert in vielen Fällen gut.
Denken Sie an alle Geschlechter, nicht nur an Mann und Frau. Dafür eignet sich der Gender-Stern, denn er zeigt in alle Richtungen und steht symbolisch für Vielfalt. Der Stern wird an das Ende des Wortstammes gesetzt: Freund*innen, Ärzt*innen, Bauarbeiter*innen, Bundeskanzler*innen …
Gerecht zu schreiben ist leichter als gerecht zu sprechen. Mit dem „Knacklaut“ (in der Linguistik heißt das Glottisverschlusslaut) können wir alle Geschlechter hörbar machen. Hier entsteht eine winzig kurze Stille vor der Nachsilbe: Leser[kurze Pause]innen. So zu sprechen kommt uns komisch vor, aber das ist gerade gut, weil es unsere Denkmuster unterbricht und weitet. Und falsch ist es auch nicht, denn der Glottisverschlusslaut ist ein Bestandteil unseres Sprachsystems.
Nicht alles passt in jeder Situation. Probieren Sie einfach aus, welche Sprache Sie sprechen möchten und wie Sie die Vielfalt des Lebens zum Klingen bringen. Es geht sicher gut!
Alle Tipps von Birgit Weber und das ausführliche Interview können Sie hier lesen: : Magazin, Materialien und Publikationen (ekiba.de)